G20-„Hinterhalt“: Keine Beweise

Polizeieinsatz am Neuen Pferdemarkt während des G20-Gipfels: Der Hamburger Senat kann bisher nicht belegen, dass es am Abend des 7. Juli für Einsatzkräfte im Schanzenviertel eine massive Gefahr, einen organisierten „Hinterhalt“, gab. Foto: cv

Anfrage der Linken: Polizei kann weitreichende Gefahreneinschätzung nicht belegen

Carsten Vitt, Sternschanze
Der Stadtteilbeirat Sternschanze hat erhebliche Zweifel an der Polizei-Darstellung zur Randalenacht des 7. Juli im Schanzenviertel (das Elbe Wochenblatt berichtete). Bestätigt werden diese Zweifel nun von Aussagen der Polizei selbst, die eine Anfrage der Linken-Abgeordneten Christiane Schneider in der Bürgerschaft zu beantworten hatte.Demnach liegen den Ermittlern bisher keine Beweise dafür vor, dass in der Sternschanze am 7. Juli ein „Hinterhalt“ geplant war, in dem Polizisten massiv von Dächern herab mit Molotowcocktails, Gehwegplatten, Wurfgeschossen, Eisenstangen oder ähnlichen Mitteln attackiert werden sollten. Es ist weiterhin ungeklärt, warum die Einsatzkräfte an jenem Abend nicht früher eingriffen, während in den Straßen des Schanzenviertels Barrikaden brannten und Läden geplündert wurden.
Ein wichtiges Detail ist das Haus Schulterblatt 1, auf dessen Dach Randalierer angeblich Gehwegplatten und Wurfgeschosse horteten und das über Stunden als Gefahr und unüberwindbare Barriere für die Einsatzkräfte galt. Im Innenausschuss der Bürgerschaft schilderte ein Einsatzleiter, dass Polizisten vom Gerüst des Hauses mit „Eisenstangen, großen Steinen und Paletten“ beworfen wurden. Sichergestellt wurde laut Polizei aber keiner dieser Gegenstände.

Keine Molotowcocktails auf Dächern sichergestellt

Weitere Aussagen müssen eingeschränkt werden: Es wurden auf den Dächern in der Nacht zum 8. Juli keine Molotowcocktails, Gehwegplatten, Steine oder Eisenstangen sichergestellt. Zudem fand die Polizei im Schanzenviertel auch keine Stahlseile, mit denen am 7. oder 8. Juli angeblich Polizeifahrzeuge gestoppt werden sollten. Die Hinterhalt-Einschätzung basiert offenbar auf Vermutungen oder Befürchtungen der Polizei. Belege, dass es solche Fallen am Schulterblatt tatsächlich gab, fehlen.Rätsel gibt zudem auf, weshalb erst am 12. Juli, vier Tage nach der Randalenacht, Beweismittel gesichert wurden. Erklärung der Polizei: Überlastung.

Anwohner fragen: Warum griff die Polizei so spät ein?

Die Einschätzung der Polizei, dass es am Abend des 7. Juli eine organisierte Randale Gewaltbereiter gab, die Einsatzkräfte in einen lebensgefährlichen Hinterhalt locken wollten, ist fragwürdig. Nach jetzigem Stand tummelte sich am Schulterblatt eher eine Mischung aus linksradikalen Gipfelgegnern, Schaulustigen und Betrunkenen, die in der enthemmten Atmosphäre des 7. Juli mitmachten.
Dennoch hält die Polizei an ihrer Darstellung fest, wie Sprecher Timo Zill dem NDR sagte.
Die Anwohner wollen aber immer noch wissen: Warum griff die Polizei nicht rechtzeitig ein, um Schlimmeres zu verhindern?
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1 Kommentar
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Kai Dirksen aus Eimsbüttel | 19.10.2017 | 03:44  
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