Erinnerungen an Ottensen

Gewichtheben im Polizei Sportverein in der Harkortstrasse, das war steinhartes Training. Das Ergebnis: Muskelberge - und Jobs als Fotomodell. Gage pro Foto: 50 Mark - für einen Lehrling mit 80 Mark Monatsgehalt ein kleines Vermögen. Endlich konnte ich mir richtige maßgeschneiderte Anzüge leisten!

Teil II

Sportliche Betätigungen

Schon als Zehnjähriger hatte mein Bruder Werner mich mit in den Turnverein Ottensen von 1893 in der Daimlerstrasse mitgenommen. Ich ging gern zum
Turnen, das war der richtige Sport für mich. Außerdem gab es ja viele hübsche Mädchen im Verein. Besonders Marlies Sauter aus der Griegstrasse hatte mir es angetan und war meine erste große Liebe. Jedoch war ich zu scheu es ihr zu sagen und deshalb verlief es im Sande. Es war eine schöne Zeit in dem Verein. Ernst Hoche, sozialdemokratischer Politiker in Altona, war Vereinsvorsitzender und Erich Zänker und Lissy Schmidt die hervorragenden Trainer, die zusammen mit vielen anderen netten erwachsenen Mitgliedern mir zum Vorbild wurden und mein weiteres Vereinsleben prägten. Im Sommer machten wir oft Turnaufführungen mit Turnermärschen durch die Strassen in Lurup.
Später als ich schon in Helsingborg wohnte nahm ich den Kontakt wieder auf und 1973 machte ich mit einer Schwedenriege eine Turnschau in der Turnhalle Gaußstrasse und danach eine unvergessliche Freundschaftsfeier im Gemeindesaal der Kreutzkirche. Einige Jahre später nahmen wir viermal an den Schwedenwochen in Stade teil.Und 1986 war der Verein mit seinen Turnern in Helsingborg.
Unsere jährliche Weihnachtsfeier wurde im Altonaer Theater, mit turnerischen Übungen auf der Bühne, abgehalten. Im Frühjahr waren wir schon bei den ersten Alsterläufen dabei. und des Öfteren machten wir Ausflüge in die Lüneburger Heide, entweder zum Wandern oder Rodeln. Im Frühjahr ordnete der Hamburger Turnerbund Frühlingsfest in der Elbschlossbrauerei in Niendorf an, oder in dem neuen Haus des Sports in der Schäferkamps Allee.
Später, im Juni 1959 machte ich die letzte Turnmeisterschaft zusammen mit meinen Turnerfreunden Rolf Schimanski, und Gerd „Puttel“ Kern in Buxtehude
und wir gewannen den Meisterschaftstitel in unserer Altersklasse, bevor ich mit
dem Turnen aufhörte und mich dem Gewichtheben im Polizei Sportverein in der Harkortstrasse verschrieb. Dort wurde drei Stunden täglich Schrott gehoben bis zum geht nicht mehr und so wurde ich zu einem, von der Jugend, viel bewunderten Muskelpaket.

Firma Colex in Langenhorn produzierte Nahrungspulver und suchte nach einem geeigneten Fotomodel mit Muskeln. Eines Tages kam ein Fotograf in die Sporthalle und fragte ob er ein paar Bilder von mir machen könnte. Colex war wohl zufrieden, denn ich und zwei hübsche junge Damen, beide hatten den Titel Miss Hamburg gewonnen, wurden engagiert. Die Gage war 50 DM für jedes angenommene Bild. Die 80 DM Lehrlingsgehalt waren nun mit einem Mal nur noch Peanuts. Jetzt konnte ich mir sogar richtige, maßgeschneiderte Anzüge leisten. Ich habe jedoch nie irgendwelche Präparate eingenommen. Ohne steinhartes Training keine bestehenden Muskeln.










Die erste Auslandsreise

Als Teenager hatte ich angefangen mit Peter Scheidereiter aus der Friedensallee im Cafe Bismark, in der Ottenser Hauptstrasse, gleich neben dem Warenhaus Hertie, rum zu hocken. Dort stand ein Schallplattenautomat mit modernen amerikanischen Schallplatten und dort traf sich die Altonaer Jugend. Das Café wurde sogar so berüchtigt, dass ab und zu die Polizei Razzia machte, obwohl alles sehr anständig zu ging. Zwei besondere Erinnerungen habe ich vom Café.
Einmal kam die Polizei am frühen Abend und stürmte ins Café. Ich stand gerade mit dem Fussballspieler Charly Dörfel und ein paar anderen Jungs vor der Tür und war selber ganz überrascht über deren Auftritt. Als der letzte Polizist durch die Eingangstür gegangen war wollte ich sehen warum es da ging und zog am Türgriff, um die Tür zu öffnen. Unglücklicher Weise hatte sich der Ärmel vom Polizisten im inneren Türgriff verfangen und als ich an der Tür zog, zog ich ihn mit zurück, was mir eine schallende Ohrfeige einbrachte. Etwas später kam er aber zu mir und sagt: ich bitte vielmals um Entschuldigung, und das fand ich sehr anständig. Ein anders Mal als ich auch mit ein paar Jungs vor der Tür stand kamen meine Eltern vorbei und blieben stehen und wollten mich grüßen, aber ich war mit mir selbst und meinen Kumpels so beschäftigt, dass ich sie wohl registrierte aber einfach stehen ließ. Sie waren ganz erschrocken über mein Benehmen und Mutti hat es mir mehrmals vorgehalten. Dabei war es gar nicht so gemeint.
Samstags zur Mitternacht gingen wir danach meistens noch in die Nachtvor-stellung im Ottensener .Kino wo die Filmserie „Der Gorilla lasst schön grüßen“
Gezeigt wurde und dabei lernten wir auch Ernie Kleint und Rolf “Nolle“ Rössner kennen.
Ernie war ja schon sehr bekannt, denn durch seinen Vater, der eine Tankstelle im der Bahrenfelder Chaussee hatte, hatte er Zugang zu einer Werkstatt, wo er alte Autos zu Rallyautos umbaute und schon mehrere Rallys gewonnen hatte, bevor er Deutscher Rallymeister wurde. Wir machten mehrere Fahrten nach Sandford in Holland, und Lüttich in Belgien um uns die Formel 1 Rennen anzuschauen. Dann waren wir aber mindestens acht Jungs und zwei Autos. Eine Nacht, wir waren spät aus Altona weggekommen, hatten wir, weil der Fahrers so ungeheuer müde war, keine andere Wahl als auf dem Mittelstreifen der Autobahn vor Amsterdam zu übernachten. Morgens stand ein ganzes Polizeiaufgebot vor unseren zwei Zelten und weckte uns. Da kroch Nolle mit seiner Trompete aus dem Zelt und blies eine Fanfare und alle kamen schlaftrunken aus den Zelten. Die Polizei war aber sehr freundlich und meinte nur: wenn ihr nicht innerhalb 10 Minuten verschwunden seid gibt es eine Strafe. Ich glaube wir brauchten gar nicht so lange. Im Badeort Sandford ging´s dann als erstes immer ins gleiche Restaurant am Strand, denn dort kriegten wir Nolles Lieblingsfrühstück “Ham and Eggs“, getoastetes Weißbrot mit gekochtem Schinken und 2 Eidottern. Die Rennen sahen wir dann immer von einer Düne aus, von welcher wir einen guten Überblick auf die nahe gelegene Rennbahn hatten.
Ernie ist ja dann leider in 1989 in einem Flugzeugunglück umgekommen aber die Fahrerfähigkeiten hat sein Bruder Jochi übernommen, und ist glaube, er ist auch Deutscher Meister im Rall fahren geworden.


Eine Leidenschaft

Eine meiner Leidenschaften ist Tanzen, was mir unsere Turnmädels auf den Frühlingsbällen in der Elbschlossbrauerei beibrachten. Und da war der neue Tanzpalast Kaisersaal beim Schulterblatt, ein altes Kino, welches Bruno Koschmieder umbauen ließ, genau das richtige. Dort tanzten wir, Ernie und seine spätere Frau Babara „Bärbel“ und ich fast jedes Wochenende.

Eine schöne Erinnerung sind die Vatertags Touren mit elf jungen Freunden nach Wedel. Dort hatten wir eine Wiese gefunden, wo wir im sonnigen Frühlingswetter, Fußball spielten und rumtollten und dann mit einem kleinen Sonnenbrand nach Hause fuhren, uns in Schale schmissen und im Kaisersaal antanzten.

Eines Tages hatte Bruno Koschmieder die Wahl zum Mister Hamburg ausgerufen und meine Freunde hatte mich gedrängelt ich solle mitmachen. Ich hatte mich angemeldet und gewonnen, und diesen Titel hat man mir, bis zu meinem Seemannsabenteuer in Südamerika nicht streitig machen können.
Bruno Koschmieder gehörte ja auch der Kaiserkeller auf der Großen Freiheit und dort spielten die Beatles. Wir waren oft dort, hörten uns ihre Musik an und machten danach noch einen Rundgang über die Große Freiheit.
Meine Wahl zum Mister Hamburg hatte sich ja sofort herumgesprochen und so wurde man ein gern gesehener Gast im Rotlicht Milieu. Mit meinen Gewichtheber Freunden besuchte ich auch öfters das Zillertal, was es heute nicht mehr gibt, denn es ist zum Schmidt Theater geworden. Aber fuer die Schweden ist das Zillertal immer noch ein Begriff. Auch dort habe ich viele schöne Abende verlebt. Eine kurze Zeit verlor ich die Lust an meinem Beruf und versuchte mich als Kellner bei Cafe Menke auf der Reeperbahn, aber der Beruf hätte mein Leben nie erfüllen können.

Ein besonderer Tanzabend.

Im Sommer fuhren Peter und ich auch gern nach Planten un Blomen, denn die Sommernächte waren oft herrlich und an solchen Tagen fühlte man sich im Orchidee Café wie im südlichen Ausland.
Dort spielten zum Wochenende große Orchester, fast immer südländische anschmeichelnde Musik und man tanzte auf kleinen Tanzflächen zwischen künstlichen Teichen bis in die Morgenstunden um dann morgens um vier im Sonnenaufgang nach Hause zu wandern.
Manchmal ging ich auch allein, und eine amüsante Erinnerung ist ein Tanzabend im Café Keese auf der Reeperbahn. Der Vorteil in dem Café war, da konnte man sich gemütlich hinsetzen und brauchte sich nicht so anstrengen, denn bei Café Keese waren es die Damen, die zum Tanz aufforderten. Ich fühlte mich auf Grund meiner maßgeschneiderten Anzüge und dem athletischen Körperbau recht selbstsicher und Tanzen war ja meine Leidenschaft, mir passte es gut und so konnte man ja gleich rausfinden ob man Chancen bei den Frauen hatte.
Zu meinem Nachteil war jedoch, dass ich auf Grund meiner vielen Trainings-stunden nicht die Länge meiner Brüder erreichte, sondern in die Breite gegangen war, was die Anzahl der Damen etwas begrenzte. Schon im Jahr zuvor, als ich anfing als Fotomodel zu arbeiten, musste ich beim Fotografieren auf einer Kiste stehen, weil sonst die Proportionen zu den beiden hübschen Mädels nicht gestimmt hätten.
Ich setzte mich also an einen Tisch für zwei, zwei Stufen hoch mit guter Übersicht
übers Publikum . Zu der Zeit spielten meistens eine Sechs Mann Kapelle und die Tanzfläche war eingezäunt und der Eingang und die Tanzfläche eine Stufe angehoben. Es dauerte auch gar nicht lange und eine elegante Dame kam auf mich zu und bat um einen Tanz. Als ich aufstehe drehte sie sich schon um und geht langsam zur Tanzfläche und ich hinterdrein. Dadurch hatte sie aber nicht bemerkt, dass sie mindestens fünfundzwanzig Zentimeter länger war als ich. An der Tanzfläche angekommen steigt sie auf die Tanzfläche und dreht sich um und sieht mich nicht, weil ich gleich hinter ihr stehe und erwartete dass sie mindestens einen Schritt weiter geht. Sie schaute sich ganz verdutzt um und dachte wohl: wo ist denn mein Tanzpartner geblieben, bis sie nach unten schaute. Sie wollte sich erst wieder hinsetzen, aber ich hatte sie beruhigt und es wurde auch ein amüsanter einmaliger Tanz.

Wehrpflicht Verweigerung.

Als die Lehre zu Ende war und ich gerade ein dreiviertel Jahr bei Blohm und Voss gearbeitet hatte, kam der Brief von der Wehrmacht zur Musterung. Wir Kriegskinder haben ja alle miterlebt, welche Schäden ein Krieg anrichtet und ich hatte nicht die geringste Lust zum Kommiss eingezogen zu werden.
Früher war es die Könige die Kriege anzettelten um sich selber zu bereichern. Wenn sie siegreich waren, wurden ihre Territorien grösser und sie reicher.
Dann konnten sie wieder neue Schlösser bauen und in Prunk leben.
Das Volk jedoch, welches den Krieg verloren hatte, musste außer den eigenen Kriegsschäden auch noch einen Schadensersatz für den Siegerkönig aufbringen.
Verlor der angreifende König dagegen, war es nicht Er der in Armut leben musste, sondern sein eigenes Volk musste außer den folgenden Entbehrungen und Leiden auch noch seine Kriegsschulden aufbringen.
Da es die Pflicht aller männlichen Bürger war für das Vaterland zu kämpfen, waren alle Söhne über 18 Jahre gezwungen sich zum Kriegsdienst einzustellen. Tat man dies nicht wurde man vors Kriegsgericht gestellt und für Feige erklärt und konnte ins Gefängnis landen oder im schlimmsten Fall hingerichtet werden. Ging man mit in den Krieg war die Chance groß in Gefangenschaft zu geraten, oder sogar sein Leben zu verlieren. Kehrte man Heim mit großen Verletzungen und war nicht mehr im Stande sich länger zu versorgen, lebte man in richtiger Armut, denn kein König und kein Staat hat Geld für Verlierer.
Mein Großvater war Korporal und Musikant in der deutschen Armee im Ersten Weltkrieg und verlor sein Leben in Polen. Seine Frau erhielt von der Wehrmacht ein Telegramm, dass ihr Mann an einem Bauchschuss im Feldlazarett gestorben sei. Verlierer war aber nicht nur er, sondern auch seine Frau und seine Tochter, die nun in große Versorgungsschwierigkeiten gerieten und die Eltern, die sehr um ihren Sohn trauerten. Die ganze deutsche Bevölkerung litt schwer als der erste Weltkrieg verloren war und das nur wegen zweier Kaisers Wahnsinn
Den zweiten Weltkrieg startete der größenwahnsinnige Adolf Hitler und seine Konsorten, die Deutschland zur größten Nation der Welt machen wollten.
Helmut Minne, der Sohn unserer Nachbarn aus der Moortwiete 28, war bei der fürchterlichen Schlacht auf dem Feldzug in Russland dabei, wo viele Soldaten allein durch erfrieren ihr Leben verloren.
Seine Eltern haben ihr Leben lag getrauert und nie in Erfahrung bringen können, wie er gestorben ist. Und denk, wie viele andere Menschen für diesen Krieg ihr Leben lassen müssten.
Aber auch die deutsche Bevölkerung hat Jahrzehnte für Hitlers angezettelten Krieg leiden müssen. Geschweige denn alle Juden, die unschuldig ihr Leben verloren.
Einer meiner Klassenkameraden, Wolfgang Puls, aus der Friedensallee, der nach Amerika ausgewandert war, spazierte stolz in der amerikanischen Paradeuniform in Altona umher. Er besuchte, genau wie ich, die Eltern in Ottensen, denn er war auf dem Weg nach Korea, um für seinen verrückten amerikanischen Präsidenten, in diesem nutzlosen Krieg, seine aufgezwungene Wehrpflicht zu machen. Es war wohl als Abschied von den Eltern, denn er kam meines Wissens auch nicht zurück aus dieser Hölle.
Deshalb, als wir Freunde die Einberufung zur Musterung erhielten, sind wir Waffen Verweigerer geworden und lieber ausgewandert. Ernie Kleint, der deutsche Rally Meister und Rolf Rössner, heute Aktienbroker in Washington, sind gleich nach Kanada abgehauen, und ich hatte auf einem Handelsschiff angemustert und bin einige Male Südamerika rauf und runter geschippert. Die Commerz und ihr Schwesterschiff wurden aber schon kurz nach der Ankunft an Chile, als Schadenersatz von der Hapac Lloyd an die chilenische Reederei in Valdivia übergeben, weil deren zwei alten Schiffe im Tsunami 1958 im Hafen von Valdivia untergegangen waren.
Sieben Monate später war ich wieder in Hamburg. Meine Eltern erhielten oft Besuch von der Militärbehörde, wo man sich nach meinem Aufenthalt informierte
und als ich nach Hause kam lag auch gleich wieder einen Musterungsbefehl im Briefkasten.
Da die männlichen Geburtenzahlen für die Jahre 1940-1941 sehr hoch waren und nur die Hälfte aller jungen Männer gebraucht wurden und ich auch durchblicken ließ das ich nicht interessiert war, durfte ich ein Los ziehen, mit der Aussicht, dass eine hohe Nummer mich vom Wehrdienst befreien würde . Und so konnte ich nach zwei Stunden meinen Wehrpass abgeben und die Musterungsstelle als freier Mann verlassen.


Die erste Reise nach Schweden

Schon seit über tausend Jahren gibt es Menschen die nach Schweden reisen, denn der Handel mit Skandinavien ist umfangreich und ein Gerücht besagte sogar; Eisbären würden auf den Straßen rumlaufen. In einem Reiserapport aus jener Zeit beklagte Herr Schindelhauer aus Hamburg, der auf dem Weg nach Stockholm war, dass es in Helsingborg kein Hotel gab und er gezwungen war in dem fünfundzwanzig Kilometer nördlich gelegenen Wirtshaus in Åstorp zu übernachten und die Nacht mit der Wirtfamilie auf dem Fussboden zu verbringen. Und das schlimmste schrieb er, war, morgens wurde ich mit einem Kuss der Schweine geweckt und die rochen fürchterlich aus dem Maul.
Zurück von meinem Seemannsabenteuer in Südamerika traf ich meinen Freund Peter. Er war gerade in der Schlussphase seiner Lehrlingsausbildung und schlug vor; wir sollten mal eine Urlaubsreise nach Schweden machen, denn da gibt es so viele hübsche Mädchen.
Im Juli 1960 packten wir eine kleine Reisetasche und stellten uns an die Autobahn in Horn, in der Hoffnung irgendein Autofahrer würde uns ein Stück in Richtung Fähre nach Dänemark mitnehmen. Wir hatten Glück. Nach ein paar Stunden waren wir schon an der Fähre und auch durch Dänemark ging es zügig und nächstes Morgen, auf der Fähre von Helsingör, winkte uns Helsingborg. Damals war die Stadt noch recht uninteressant und wir beschlossen dreißig Kilometer weiter nach Ängelholm zu trampen, denn dort erwartete uns ein richtiger Campingplatz mit einem schönen Badestrand.

In Schweden ist das Trampen jedoch viel schwieriger und die Autofahrer guckten stur an uns vorbei. Peter meinte: Uwe, wenn du jetzt einen Handstand machst, hält das nächste Auto an. Aber nach vielen lohnlosen Handständen und trostlosen Stunden bestimmten wir, zu Fuß die letzten Kilometer zu bezwingen.
Es war aber richtig unbehaglich am Straßenrand zu wandern, denn die großen Lastwagen donnerten im Linksverkehr an uns vorbei. Wir schafften nur zehn Kilometer. Es wurde dunkel und wir beschlossen einen Schlafplatz auf einem Bauernhof zu finden. Als wir einen Hof mit großer Scheune passierten klopften wir dort an. Die Bauernfrau öffnete und wir fragten ob wir in der Scheune übernachten
dürften. Gleich danach kam auch der schon etwas angetrunkene Bauer an die Tür und meinte: haut ab ihr Hitlergören. Aber sie beschwichtigte ihn und sagte: ja ihr könnt in der Scheune schlafen. Aber es ist streng verboten dort zu rauchen und morgen früh will ich euch nicht mehr sehen. Wir krochen ins Heu und bekamen unseren nötigen Schlaf und morgens waren wir frühzeitig wieder auf der Straße nach Ängelholm und abends dann am Råbocka Strand. Zelt hatten wir nicht, das Geld war auch zu knapp um ein Zimmer zu mieten, und so wurde die harte Holzpritsche in der Herren Umkleidekabine für die nächsten 14 Tage unser Himmelbett . Jeden Morgen weckte uns eine alte Reinemachefrau, die morgens
die Kabine säuberte und auf dem Campingplatz wohnte eine nette Familie aus Flensburg, die uns zum Frühstück einlud. Das Wetter in dem Jahr war hervorragend und es wurden zwei wunderschöne Wochen am Råbocka Strand.

Die Rückreise war zeitmäßig nicht so glücklich, denn durch Dänemark brauchten wir diesmal drei Tage. Aber das dänische Gemüt und die Freundlichkeit die man uns entgegen brachte sind unvergesslich.

Mitternachts zum zweiten Tag wurden wir von einem Mann aufgesammelt und der nahm uns mit in sein Heim, ein kleines Bahnwärterhäuschen. Dort weckte er seine Frau und die musste uns ein paar Butterbrote machen und dann bettete sie das Ausziehsofa im Wohnzimmer für sich und ihren Mann und wir mussten in deren Betten in der Dachkammer schlafen. Wir fanden es recht peinlich in den Ehebetten schlafen zu müssen, aber er winkte ab und blinkerte uns zu und flüsterte: das ist ein leuchtender Gelegenheit mal wieder mit ihr in einem Bett zu schlafen, denn da oben hätten sie getrennte Betten. Am nächsten Morgen erwarteten uns ein reelles Frühstück und sechs wohlerzogene Kinder, bevor wir Abschied nahmen. Ob unser Besuch zu Zuwachs in der Familie geführt hat, kann man nur spekulieren.
Die Nacht darauf, in Kolding, wurden wir von einem Fahrschullehrer mitgenommen und durften auf seinen Chesterfield Ledersofas in der Fahrschule schlafen. Am nächsten Morgen steckte er uns noch 20 Kronen in die Hand fürs Frühstück. Welche fantastischen Menschen.
Diese starken Erlebnisse hatten zur Folge, dass wir im Jahr darauf einen neuen Besuch in Schweden machten um für ein Jahr dort zu arbeiten.
Dann machte Peter sich auf nach Kanada und traf dort seine hübsche Anni und
heute leben sie in Henstedt Uls. Ich aber blieb da und traf nach einiger Zeit mein hübsches Mädchen in Helsingborg und blieb hängen.


Die Geschichte über einen Wohnzimmerschrank

Es war ein Mal ein Wohnzimmerschrank in Kirschholz. Der Schrank war zweiteilig. Das untere Teil hatte Flügeltüren mit geschnitztem Weinrankenmotiv und konnte als Buffet verwenden werden. Die Seitenschränke und das Oberteil waren mit den zu der Zeit populären grünen Flaschenbodenscheiben verziert. Der Schrank gehörte zu einer Wohnzimmergarnitur und wurde 1884 von einem Möbeltischler in Hamburg für Hamburgs Bürgermeister Burchard gefertigt.
Einige Jahre vorher versuchte ein junger, erwachsener Christian Seligmann sein Glück in der Großstadt Hamburg. Er kam von Dersau in Schleswig Holstein. Seine Eltern hatten einen Bauernhof und eine Schlachterei und deshalb war Christian sehr vertraut mit der Pferdepflege.
Senator Burchard war zu Hamburgs Bürgermeister gewählt worden und brauchte für seine repräsentative Villa mit Annex und Pferdestall in Harvesterhude an der Außenalster einen Kutscher. Das Auto war noch nicht erfunden und für schnelle Transporte nahm man Pferdekutschen. Ein Bürgermeister hat es oft eilig und deshalb brauchte er eine eigene Kutsche, damit er schnell zum Rathaus kam, oder zu anderen zu verrichtenden Wichtigkeiten. Außerdem sollten die Pferde gut gestriegelt, die Kutsche wohlgeputzt und in bester Verfassung sein und dazu brauchte er einen guten Kutscher. Christian hatte sich beworben und bekam die Anstellung.
Der Herr Bürgermeister brauchte auch eine Hausdame für den Haushalt.
Eine junge Dame mit Namen Wilhelmine Krause suchte den Dienst. Sie war von Hamburg und Ihr Vater hatte eine gute Arbeit als Lokomotivführer. Als Hausdame hatte sie die Verantwortung über die Bediensteten und das Küchenpersonal und außerdem die Aufsicht über die Tischdeckung, wenn Mahlzeiten serviert wurden und hatte die Gäste zu empfangen. Wilhelmine hatte die richtigen Meriten und wurde eingestellt.
Nach einiger Zeit verliebten sich der Kutscher und die Hausdame und wollten heiraten. Der Bürgermeister, sehr zufrieden mit seinen Angestellten, ordnete
für die Trauung in der nahe gelegenen Kirche, denn das Paar sollte dann in das Annexgebäude des Bürgermeisters einziehen und als Hochzeitsgeschenk
durften sie sich selbst eine Wohnzimmergarnitur aussuchen.
Nun war das junge Paar auf der Suche nach einer Wohnzimmergarnitur und
nach einiger Zeit konnte der Herr Bürgermeister bei einem Möbeltischler einen hübschen Tisch mit 6 Stühlen in Kirsche, mit brauner Lederpolsterung und rundköpfigen goldfarbigen Nägel Beschlag und einem Schrank aus dem
gleichen Holz mit Weinrankenmotiv in den Türen und der Oberschrank mit
grünem Flaschenbodenscheiben verziert, bestellen. Die Garnitur wurde zum schönsten Schmuck in der guten Stube der Annexwohnung.
Das verheiratete Paar bekam vier Kinder. Zuerst kamen Zwillinge, die jedoch
nur 3 Wochen lebten. Dann kam Robert, der in späteren Jahren in Afrika starb
und zuletzt kam Emmy unsere Urgroßmutter. Emmy´s Großmutter, Anna Sophia Magdalena war eine gebürtige Dunker aus Dersau, bevor Sie Johann Seligmann heiratete. Ein Dorf, wo jeder jeden kannte und wo die Jugend meistens in die Nachbarfamilien oder in Familien der umliegenden Dörfer einheiratete. So war es auch bei den Familien Seligmann und Dunker.
Johann Dunker, geboren im Nachbardorf Darmstorf, hatte sich zum Hafeningenieur ausgebildet und einen Dienst in Esbjerg in Dänemark angenommen, die Dänin Louise Möller geheiratet und Louise hatte Ihm
den Sohn Henry geboren. Nach einiger Zeit kam die Familie nach
Helsingborg, wo der Vater die Projektierung des neuen Hafens angenom-
men hatte. Auftraggeber war der reiche Getreidehändler Konsul Olsson der mehr Hafenplatz für seine Getreideauslieferungen brauchte. Johann und
Konsul Olsson wurden gute Freunde und starteten eine Gummifabrik
Als Henry, der älteste Sohn, erwachsen wurde schickte der Vater ihn der nach Russland um mehr über die Gummiherstellung und nach Hamburg um dort die Geschäftskunst zu erlernen, bevor sie ihn zum Geschäftsführer der Helsingborg Gummifabrik Tretorn machten.
Früher waren die Familienbande viel enger. Man half und stützte einander und hatte öfter große Familienfeiern, wo sich mehrere verwandtschaftliche Familie trafen und es ist sicherlich so, dass Johann Dunker ab und zu mit seiner Familie
an solchen Treffen in Dersau teilgenommen hat und das Henry dabei die Gelegenheit hatte Christian und Wilhelmine Seligmann aus Hamburg kennen zu lernen und sie besuchte als er in Hamburg studierte. Denn welcher Student lässt es sich schon entgehen den Hamburger Bürgermeister im eigenen Heim zu treffen, oder später als schwedischer Geschäftsmann die Chance zu haben Geschäfte mit Ihm zu knüpfen. Denn nach dem Krieg, als wir Geschwister mit unserer Mutter einmal Bucheckern in den Harburger Bergen sammelten, um sie gegen Speiseöl einzutauschen und auf dem Heimweg im Zug saßen und durch Harburgs Industriegebiet fuhren, sagte Mutti: guck mal, da ist die Gummifabrik Tretorn
wo die Gummigaloschen gemacht werden.
Kutscher Christian starb recht früh. Sicherlich waren die anstrengenden Wetterverhältnisse auf dem Kutschbock und der Genuss von Alkohol, um die Wärme zu halten, eine beträchtliche Ursache.
Wilhelmine machte Ihren Dienst weiter bis zu Pension, zog aber um in eine Mietwohnung am Mittelweg zusammen mit Tochter Emmy, die Kriegerwitwe geworden war und Enkelin Ottilie. Nun prunkte die schöne Möbelgarnitur in
deren Wohnstube.
Ottilie war schon mit Gerhard Schuster aus Eppendorf verheiratet, als Emmy
die inzwischen Wilhelm Thran geheiratet und Tochter Karla bekommen hatte,
an Tuberkulose starb und Großmutter Wilhelmine starb drei Jahre nach Ausbruch des zweiten Weltkrieges. Da erbte Ottilie die Möbel. Jetzt verschönten sie unser Wohnzimmer in der Moortwiete 6, bis eine englische Bombe das Nebenhaus zerstörte und alle Fenster in der umliegenden Umgebung kaputt gingen und dabei unseren Esstisch und die Stühle ramponierten. Da meinte Mutti; jetzt will ich andere Möbel und der Schrank, der dem Unheil entgangen war, wurde in die Mägdekammer verpasst.
Als der Krieg zu Ende war brauchte Ottilie´s Halbschwester Karla in Farmsen einen Schrank, begnügte sich aber aus Platzmangel mit dem grünen Flaschenbodenglas verzierten Oberteil , von wo es dann später abhandenkam.
Als wir Kinder flügge wurden wollte Ottilie eine größere Wohnstube und das Klavier kam raus und der Schrankunterteil als Buffet wieder rein. Wieder vergingen einige Jahre. Dann wollte Ottilie Ihr Wohnzimmer gern modernisieren und dabei kam das Buffet wieder in die Mägdekammer, weil ich, Uwe, der in der Zwischenzeit nach Schweden ausgewandert war, mich für das Buffet interessierte, denn es würde gut in die gerade eingekaufte großen Villa in der Billesholmsgatan in Helsingborg passen. Ottilie war Witwe geworden. Sie verpackte eigenhändigt das Buffet mit Frigulit, damit es beim Transport nicht zu Schaden kommt und dann holte der Helsingborger Spediteur Börje Jönsson in eigener Person, zusammen mit seinem Chauffeur das Buffet ab und lieferte es in die Billesholmsgatan 6.
Ottilie hatte die Beiden zum Kaffe eingeladen und gemeint - das waren aber starke Kerle -.
Nun war es so, ich hatte Gun kennen gelernt und wir waren gerade dabei meine
neu eingekaufte Villa zu renovieren und das Buffet war im Wege und da gab ich einem Möbelrestaurator in Auftrag es aufzumöbeln. Die Villa war längst fertig, nur das Buffet nicht und da beschloss ich es halbfertig abzuholen, denn ich befürchtete der Schrank würde vielleicht abhandenkommen..
32 Jahren hat das Buffet unser Wohnzimmer geschmückt. Aber jetzt wo wir alt werden und die Kräfte für den großen Garten schwinden haben wir uns entschlossen in eine Mietswohnung zu ziehen. Wir haben eine schöne Wohnung gefunden, aber dort passt das Buffet nicht mehr hinein und unsere Nachkommen haben auch keinen Platz dafür und deshalb suchten wir nach einem würdigen Empfänger.
Ich hatte Ahnenforschung betrieben und heraus gefunden, dass unsere
Familie mütterlicherseits über den Ur-ur-Urgroßvater Hans Conrad Dunker
und dessen Bruder Timm Dunker mit Henry Dunker, dem damals reichsten
Mann in Schweden, der sein ganzes Vermögen der Stadt Helsingborg
vermacht hat, verwandt ist. Da kam die Idee das Dunker Altersheim zu
fragen ob man Interesse an dem Buffet hätte. Die Abteilungsleiterin
Anette Grundström kam mit einer Kollegin und sagte: ja, das nehmen wir
gern und nun steht es in Henry Dunkers Arbeitszimmer und ist endgültig zuhause.
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