Erinnerungen an Ottensen

Schulklasse, im Hintergrund Lehrer Fausack.
 
Bootshaus Lührs.
 
Ernie und Jochi Kleint.
 
James Dean....
 
Peter und Uwe am Rabacker Strand.

Teil I und II

Der Eismann

Manchmal kam ein älterer Mann mit Pferd und Wagen an unserer Straßenecke Friedensallee vorbei. Der Mann verkaufte Blockeis in den Wohnungen der großen, schönen Wohnhäuser in der Friedensallee. Kühlschränke gab es ja noch nicht, und damit die Esswaren im Sommer nicht verdarben, hatte man außer einer Speise-kammer auch eine Eiskiste in der Küche.
Er kaufte Eisblöcke im Kühlhaus im Neumühler Hafen und fuhr dann durch die Straßen und verkaufte das Eis. Es waren lange Blöcke, die hinten auf der Ladefläche unter einer Wagendecke lagen. Er verkaufte das Eis eimerweise, kleingehackt, wenn der Kunde nicht einen Halben oder sogar ganzen Block kaufen wollte. Der alte Mann war immer sehr freundlich, und jedes Mal wenn er kam lief ich zu seinem Wagen und fragte ihn, ob ich ein Stück mitfahren dürfte. Wenn er ja sagte, kletterte ich flink hinauf und setzte mich mit auf den Kutschbock und begleitete Ihn eine Weile. Ich durfte manchmal sogar die Zügel halten und das Pferd zum Weiterfahren anschnalzen. Es war ein kluges, altes Pferd und ging fast von selbst. Wenn der Eismann auf den Kutschbock stieg und sich gesetzt hatte, ging das Pferd von selbst los und blieb beim nächsten Hauseingang stehen. Ich glaube, das Pferd wusste, in welchen Hauseingängen die Kunden wohnten, wo sie schon mal Eis geliefert hatten.

Unser Spielplatz

Nach dem Krieg gab es keine Kindertagesstätten, und unsere Mütter hatten selten Zeit für uns, denn die hatten ja andere Sorgen. In vielen Wohnungen wohnten mehrere Familien zusammen gedrängt und die meisten Mütter sagten: "Bringt mir nicht ein Haufen Unordnung in die Wohnung. Raus mit euch, spielt auf der Straße!"
Als Vierjähriger ging ich manchmal hundert Meter rauf in die Friedensallee, eben vor der Margarinefabrik mit der wunderschönen Blutbuche vor der Villa, guckte durch die Büsche in einen Garten. Dort lag ein Heim für die großen Jungs mit braunen Hemden und einem Halstuch. Die standen schon früh vor dem Fahnenmast stramm, wenn die rot-weiße Fahne mit dem schwarzen Hakenkreuz gehisst wurde. Etwas später waren sie verschwunden und das Haus war leer. Etwas später waren auch keine Fenster und keine Tür mehr drin. Ich habe damals oft gefragt, wo die Jungs hingegangen seien, aber keiner hat antworten wollen.

Dann kam die Zeit der Trapper und Indianerkämpfe zwischen den großen Jungs aus der Helmholzstraße, Siemensstraße, Moortwiete und Friedensalle. Besonders die Jungs aus der Helmholzstrasse waren Raudies. Da gab es einige blaue Flecken. Später spielten Hartmut und Werner, Günther Meier, Uwe Haider, Peter Kuhn, Peter Wildgruber , Peter Noss, Werner Stapelfeld, Jürgen Ehlers Fußball auf der Straße bis sie flügge wurden und lieber den Mädchen nachliefen. Danach waren meine Spielkameraden Rüdiger Kuhn, Adolf und Holger Mehl , Hans Peter Mahnke, Hubert Stapelfeld, Kurt Reineke , Jens Schmalfeld, Hanno Ohlen, Peter Baumann und ich an der Reihe, die Moortwiete und die Trümmerfläche vom ausgebombten Nachbarhaus als Spielplatz zu übernehmen. Den ausgebombten Keller hatte man ebenerdig vollgefüllt, der war für uns ein Extraspielplatz.
Wir gruben uns ein Loch, legten rumliegende Pappe drauf und hatten es als Höhle. Ein alter Korbstuhl, der den Krieg nicht überstanden hatte, wurde in kleine Stücke zersägt, und die schmökten wir als Zigarren oder rauchten den Resttobak aufgesammelter Zigarettenkippen in Tonpfeifen.

Unser täglicher Treffpunkt war Moortwiete 2, Hauseingang Weltin, In dem Haus wohnten Peter und Rüdiger Kuhn mit ihrer Mutter auf Untermiete im ersten Stock, und Adolf und Holger Mehl mit Ihren Eltern als Untermieter bei Krolls im Erdgeschoss. Die Tochter Gerda Kroll kam später für sieben Jahre ins Zuchthaus, weil sie ihrem Mann nachts Salzsäure ins Gesicht tröpfelte, weil er immer fremd ging und sie ihn für sich behalten wollte.

Der Hauseingang war ein besserer Treffpunkt, weil die Eingangstreppe zwei Stufen hatte, da konnte man bequemer sitzen. Außerdem war der Eingang überbaut und gab Schatten im Sommer und Schutz vor Regen. Das Wetter konnte ja recht so schnell umschlagen, und wenn sich Gewitterwolken über den Häuserdächern bemerkbar machten und es anfing zu donnern setzten wir uns auf die Treppe. Dann rechneten wir die Sekunden vom Blitz bis zum Knall und wussten ungefähr wie lange es noch dauerte, bis das Gewitter über uns sein würde.
Wenn es dann anfing zu stürmen, ging auch sofort danach der Platzregen los und gleich darauf fing es an zu blitzen und zu donnern, und wir saßen geschützt und bewunderten die Naturgewalten

Im Herbst, wenn das Laub von den Lindenbäumen fiel, machten wir uns Räucher-dosen aus leeren Ein-Kilo-Konservendosen. Die Böden wurden mit einem Nagel durchlöchert und ein langer Draht an beiden Enden als Handgriff befestigt. Die Dosen stopften wir voll mit Papier und Laub, zündeten das Papier an und schwenkten sie im Achterring, bis das Laub brannte, und dann rauchte es so schön, und wir konnten sogar Figuren schwenken.

Aber ansonsten war es schwer, auf dem unebenen Trümmerfeld richtig zu spielen, und deshalb mussten wir uns auch weiterhin mit der Straße begnügen. Zum Glück war der Verkehr noch sehr gering, und wenn der Bürgersteig zu schmal wurde spielten wir eben auf der Fahrbahn. Kam ein Auto, schrien alle Auto, Auto, Auto und stellten sich auf den Gehsteig, bis das Auto vorbei gefahren war und spielten dann weiter. Die Familien im vierten Stock waren oftmals ärgerlich über unseren Lärm. Manchmal versuchten wir leiser zu sein, aber das hielt immer nur ein paar Minuten.

Im Sommer waren es meistens Brennball oder Tippel Tappel. Wenn Brennball gespielt wurde und unsere großen Brüder mitspielten, reichte die Strecke zwischen der Siemensstraße, nun Plankstraße, und der Friedensallee nicht richtig aus, denn wenn man den Ball gut traf flog er über die Friedensallee und landete in der
Großen Brunnenstraße. Dann galt es aufzupassen, dass man nicht von den vorbeifahrenden Autos in der Kreuzung Friedensallee überfahren wurde.


Tippel Tappel
Tippel Tappel war in unserer Straße ein sehr populäres Spiel. Dazu waren wir zwei Mannschaften und mindestens vier Teilnehmer notwendig. Rüdiger war meistens die treibende Kraft und schnitzte kurzer Hand einen Tippel, ein 8 bis 10 cm lang, an beiden Enden angespitztes Rundholz, und dazu noch einen passenden circa 50 cm langen Stock als Tappel dazu. Dann wurden die Innen- und Außen-mannschaften ausgelost. Das Spiel wurde immer auf der gegenüberliegenden Straßenseite gespielt, weil da der Gehweg nur teilweise mit Platten belegt war.

Die Spielregeln war folgende: Man schabt eine kleine Furche in die Erde. Quer darüber legt man den Tippel. Den Tappel hält man an einem Ende und steckt das andere Ende hinter den Tippel. Nun versucht man den Tippel so lang wie möglich wegzuschubsen und legt danach den Tappel quer über die Furche. Die Außenmannschaft versucht den Tippel zu fangen. Wird er gefangen, versucht der Fänger von seiner Fangposition aus den über der Furche liegenden Tappel zu treffen. Gelingt dieses, ist der Spieler gebrannt und der nächste Spieler kommt dran, bis alle Spieler in der Innenmannschaft gebrannt sind. Dann tauscht man die Plätze. Wenn die Außenmannschaft den Tippel nicht fängt, hat der Spieler drei weitere Schläge, mit welchen er den Tippel vom Aufschlagpunkt weiter weg schlagen kann. Dazu benutzt er den Tappel. Er schlägt auf einen der angespitzten Enden des Tippels und wenn der hochspringt versucht der Spieler den Tippel weiter weg zutreiben. Vom dritten Aufschlag Punkt steigt man geradewegs zurück zur Furche und rechnet die Schritte. Das ergibt die Anzahl Punkte, die man gewonnen hat .Man kann seine Punkte noch erhöhen, wenn man, wenn der Tippel hochspringt, ihn mehrmals in der Luft trifft, bevor man ihn weiter weg schlägt. Die Anzahl Extratreffer unter dem Tippel multipliziert mit der Anzahl Schritte zurück zur Furche ergaben die gewonnenen Punkte.
Die Mannschaft, die als Erste das im Voraus abgemachte Punkteziel erreicht, hat gewonnen.


Unser Winterspielplatz

In den ersten kalten Wintern nach Kriegsende hatten die meisten Eltern noch kein Geld, Winterkleidung für ihre Kinder zu kaufen und deshalb mussten wir kleinen Jungs zu unserer kurzen Hose lange, wollene Mädchenstrümpfe tragen. Wenn die frisch gewaschen waren, kratzten sie fürchterlich. Dazu trug man ein Leibchen mit Strumpfhaltern, wo die Strümpfe festgemacht wurden. Es war schon eine Blamage überhaupt Mädchenstrümpfe zu tragen, aber das Schlimmste war, dass die Strumpfbänder seitlich unter der kurzen Hose rausguckten. Das kostete wirklich Überwindung, sich so auf die Straße zu begeben.
Wenn es geschneit hatte, spielten wir meistens seitlich vorm Feinkostgeschäft. Das Geschäft lag ca. fünfzig Zentimeter höher als der Gehweg und zum Kantstein waren es ungefähr sechs Meter. An diesem Hang konnte man mehrere parallele Abfahrten machen und entweder wie die Mädchen mit dem Schlitten runter rodeln oder runter glitschen. Die Strecke reichte sogar aus zum Pirouettenglitschen. Später, wenn es schneite, machten wir längere Glitschbahnen auf dem Bürgersteig. Das war eine spannende sportliche Beschäftigung, die man am Tag darauf gern weiter gemacht hätte. Doch zu unserer großen Enttäuschung hatten die Erwachsenen immer abends Asche drauf gestreut, und dann war das schöne Spiel vorbei.
Wenn die Temperatur mehrere Wochen unterm Gefrierpunkt lag, gingen wir zum
Bahrenfelder See zum Schlittschuhlaufen. Leider gab es damals nur die Dinger, die man sich unter die Schuhe schraubte. Man fiel öfter hin, weil sich die Schlittschuhe von den Schuhen lösten. Die Halterungen waren zu schwach und machten zum Ärger unserer Eltern die Sohlen kaputt, welches wiederum Geld beim Schuhmacher kostete. Da nützte es auch nichts, dass die Schuhe mit robustem alten Autoreifenbelag besohlt wurden, der Leim war eben noch nicht gut genug.
Als wir größer wurden, war Rodeln ein populärer Wintersport. Dazu musste man sich aber zum Volkspark begeben, wo die Stadt eine beleuchtete Rodelbahn gebaut hatte. Die Bahn war recht lang, mit gutem Höhenunterschied und sogar einer Kurve mit Gefälle. Da konnte man richtig runterflitzen. Um dorthin zu kommen, mussten wir durch die ganze Daimlerstrasse, Bornkamps Weg, Diebsteich und rein in den Kriegkamp fast bis zum Bauernhaus laufen. Das waren mehrere Kilometer und dazu zog man ja auch noch seinen Schlitten hinter sich her. Dort angekommen, rodelten schon viele Jungs und Mädchen und das Gedrängel war groß. Es konnte richtig gefährlich werden, denn es rodelten immer mindestens drei Schlitten in der Breite, und unten angekommen musste man schnell den Platz räumen, um nicht angefahren zu werden. Einmal wurde ich auf der Bahn seitlich angefahren und bin umgekippt. Als ich schnell die Bahn verlassen wollte, kamen schon die nächsten Schlitten und einer fuhr mir gegen das Schienbein. Es tat nicht nur ungeheuer weh, es dauerte auch sehr lange, bis die Beule wieder weg war. Aber auch schlimmere Unfälle konnten passieren. Mehrmals sind Jungs über die Kurve hinweg gerodelt und gegen einen Baum geknallt. Dann wurden sie meistens mit einem Krankenwagen abgeholt. Der Heimweg wurde immer sehr lang. Man war fix und fertig, wenn man nach Hause kam und ging früh schlafen.
Mit 16 fuhr ich dann des Öfteren mit Rüdiger nach Planten un Blomen. Im Sommer zeigte man dort die Wasserlichtspiele, und im Winter machte man das Becken zu einer Eislaufbahn. Da fuhr die Hamburger Jugend immer im Kreis auf der Eisfläche, herum und die Jungs neckten die Mädchen. Schlittschuhlaufen war jedoch nicht richtig meine Note.

Mein Kaninchen

Eines Tages im Frühling, fragte Werners Freund, Günther Meyer aus dem Nachbarhaus, ob ich auch ein Kaninchen großziehen möchte. Natürlich war ich sehr interessiert und so gingen wir an einem Sonntag zusammen zum Altonaer Fischmarkt, denn dort gab es kleine Kaninchen zu kaufen. Da war es sehr lustig. Die Bananenverkäufer schrien um die Wette, auch andere boten lauthals ihre Waren an und es war alles sehr spannend. Wir fanden auch ein kleines, süßes, schwarzes Kaninchen und ich war überglücklich. Beim Heimgehen kamen wir jedoch noch an einem Abfallhaufen vorbei und da lagen haufenweise Taubenköpfe. Wenn Kunden sonntags morgens einen Taubenbraten für die Mittagsmahlzeit kauften, wurde der Taube einfach den Kopf abgerissen. Das fand ich fürchterlich, und ich war richtig traurig.
Aber dann kam ich stolz nach Hause und zeigte meiner Mutter und allen Geschwistern unser neues Familienmitglied. Mutti ermahnte mich sofort, für das Tier selber zu sorgen und das versprach ich auch. Günther hatte mit seinem Vater gesprochen und sie hatten mir einen kleinen, alten Stall geschenkt. Nun musste nur noch ein Aufstellplatz gefunden werden, und zum Schluss fragten wir Herrn Andersen, und er erlaubte mir den Stall auf der Rückseite vom Hühnerstall aufzustellen. Nun war nur noch der aggressive Hahn ein Problem. Jedes Mal wenn man in den Auslauf schlich, kam der Hahn raus dem Stall gestürzt und attackierte meinen Kopf. Erst als Opa Andersen mit mir in den Stall ging und wir zusammen die Hühner und den Hahn mit Korn fütterten, beruhigte er sich und ließ mich in Ruhe. Der Stall musste jeden dritten Tag ausgemistet und mit frischem Halm versehen werden. Kaninchen fressen, außer Haushaltsabfällen, gerne Wurzeln und Grünzeug und Günther und ich gingen oft zu einer in Othmarschen liegende Wiese und gruben dort Löwenzahn aus, denn das scheint deren Lieblingsfressen zu sein. Mein Kaninchen wurde größer und dicker, aber es hatte die dumme Angewohnheit mich zu beißen wenn ich mit frischem Futter kam, und da hob ich den Finger und sagte: "Zu Weihnachten kommst du in die Bratpfanne", und so kam es auch. Herr Meyer hat es geschlachtet und Mutti hatte es gebraten. Doch als es zu Weihnachten auf den Mittagstisch kam, waren alle anderen traurig und konnten nichts davon essen. Nur ich habe es mir richtig schmecken lassen.

Die Zeit der Drachen

Manchmal folgte ich Opa Andersen zu seinem Schrebergarten in der großen Schrebergartenanlage am Hohenzollernring rechts vor der Kreuzkirche. Dort hatte er einen Birnbaum mit Williams Birnen. Wenn die reif waren, sahen sie in ihrer gelben Farbe so verlockend aus, dass mir das Wasser im Mund zusammenlief. Die Birnen schmeckten wunderbar, und Opa Andersen pflückte mir immer gern ein paar davon. Zwei Jahre später wurden alle Gartenlauben abgerissen und dann war das ganze Gebiet fast zwei Jahre ein offenes Feld und dort ließen wir unseren Drachen steigen.
Rüdiger war auch immer die treibende Kraft, wenn’s darum ging Drachen zu bauen. Er hatte eine ganz besondere Begabung dafür. Wenn wir uns einig waren, lief er rauf in die Wohnung und kam nach ein paar Stunden wieder runter mit einem superguten Drachen. Er nannte die Bauart Malei, und der brauchte keinen Schwanz. Ich hätte es gern von ihm gelernt, konnte aber leider nie dabei sein wenn er ihn baute, weil seine Mutter nicht wollte, dass andere Kinder in die Wohnung kamen und die anderen Mitbewohner störten. Sein Vater war zwei Jahre nach dem Krieg aus der Gefangenschaft in Russland gekommen, jedoch schon zwei Jahre später verstorben. Er hatte die Gefangenschaft nicht verkraftet.
Wenn Rüdiger mit dem Malei aus der Haustüre kam und nur ein ganz kleine Brise wehte, stand der Drachen im Wind. Wenn er dann Bott abließ, stieg der Drachen unaufhörlich. Zum Drachensteigenlassen passte das alte Schrebergartenfeld ausgezeichnet, und meistens waren dort auch viele andere Jungs mit ihren Drachen und manchmal gab es Drachenkrieg. Die am Himmel schwebenden Drachen wurden dann so gesteuert, dass sich die Leinen in einander verhedderten und dann konnte man durch einen Ruck dem anderen Drachen die Leine zerreißen. Der gekappte Drachen taumelte über die Dächer und sein Besitzer musste hinterher laufen und sehen ob er ihn retten könnte. Blieb der Drachen in einem Baum oder auf einem Dach hängen, war er verloren.
Im Jahr darauf baute die Neue Heimat Wohnungsbaugesellschaft neue Mietshäuser auf dem Grundstück und dann war auch der Spielplatz verloren.
Einmal, als Rüdiger und ich auf dem Weg nach Othmarschen waren, fanden wir einen enormen Drachen in einem Busch. Rüdiger wusste eigentlich sofort, wem der Drachen gehörte und wir liefen zu einer offenen Wiese in Othmarschen und dort saß ein Mann mit einem Drachen hoch am Himmel. Der Drachen schwebte an einer kräftigen Leine und musste mit einer Winsch eingeholt werden. Seine Frau saß daneben mit einem Korb und versorgte ihn mit Kaffee und Kuchen.
Wir fragten ihn, ob er einen Drachen verloren hätte, und er nickte und sagte: "Wenn ihr mir den zurückbringt, kriegt ihr 5 Mark." Das war ja selbstverständlich dass wir den Drachen zurückgaben, wer könnte denn schon auf 5 Mark verzichten.

Mein erstes Taschengeld

Taschengeld von den Eltern in der Nachkriegszeit war überhaupt nicht denkbar, das musste man sich irgendwie selbst verdienen. Und eines Tages, ich war schon zehn, fragte mich Milchmann Heini Schmalfeld, der sein Milchgeschäft unter uns hatte, ob ich ihm nicht helfen könnte, Flaschen zu waschen. Er verkaufte Frühstücksmilch in Flaschen, bei der Firma Conz Motorenwerke AG in der Gasstraße. Ich sagte selbstverständlich Ja.
Jede zweite Woche, wenn ich nachmittags Schule hatte, stand ich um sieben Uhr auf und ging runter ins Milchgeschäft. In den anderen Wochen machten Hartmut oder Werner es. Im Keller hatte Herr Schmalfeld oder sein Schwiegervater Opa Lohse alles vorbereitet für die tägliche Arbeit. Im Waschraum stand ein großer Zuber auf hohen Beinen, am hinteren Rand war ein Motor mit einer Flaschenbürste angebracht. Der Zuber war voll mit warmem Soda-Abwaschwasser und schmutzigen Flaschen. Er stülpte jede Flasche über die rotierende Bürste und ließ sie danach auf einem seitlich angebrachten Korb abrinnen. Dort nahm ich sie und legte sie vorsichtig in einen am Boden stehende großen Zuber mit kaltem Spülwasser und steckte sie danach kopfüber in einen Stahlkorb zum Trocknen.
Gleichzeitig musste ich zusehen, dass immer genug schmutzige Flaschen in der Waschzuber waren und nachfüllen. 1.000 Flaschen wuschen wir jeden Vormittag, und dafür verdiente ich zwei Mark am Tag und zwei Liter Milch.
Das Beste war: Jeden Morgen servierte Oma Schmalfeld neugebackene, köstliche Brötchen von Bäcker Weltin und dazu frische Butter, Käse, Mettwurst und Marmelade, so viel ich wollte. Mensch, war ich glücklich!
Als ich etwas größer und stärker war, hab ich manchmal mitgeholfen, wenn der große Milchwagen mit den vollen Milchkannen kam. Jedoch passierte es einmal, dass ich auf einem schmierigen Milchfleck auf der Ladefläche ausrutschte, vom Lastwagen fiel und eine leere Kanne hinterherkam und mich am Kopf traf. Zum Glück hatte Doktor Stolze seine Praxis um die Ecke in der Friedensallee und verarztete mich, und dann lief ich mehrere Tage mit einem dicken Kopfverband durch die Gegend.
Ein Jahr später war Schluss mit dem Flaschenwaschen. Die Fabrik hatte eigene interne Verkaufsstellen eingerichtet, und da lohnte es sich nicht mehr mit Schmalfelds Milchlieferung.

Heidi und ich spielten auch viel mit Jens und Waldtraut, den Kinder von Lilly und Heini Schmalfeld. Obwohl ich ja ein paar Jahre älter war, wurde ich oft als Spielkamerad für Jens mitgenommen, wenn Schmalfelds mit ihrem Auto nach Scharbeutz an die Ostsee fuhren, denn Schmalfelds waren wohl die Ersten, die sich in unserer Straße ein Auto leisten konnten. In Sirksdorf besuchten sie Freunde, die in der Großen Brunnenstrasse einen Schwertransport Fuhrbetrieb und dort ein Sommerhaus hatten.


Herr und Frau Andersen hatten auch eine Familie zur Untermiete wohnen. Es waren Frau Kolbe und ihr Sohn. Der Sohn war aber schon erwachsen. Eines Tages war er auf dem Hinterhof und packte sein Faltboot zusammen. Als ich ihn fragte, wo er den hinwolle, sagte er: ich ziehe nach Dänemark. Das war für mich ja noch kein Begriff, und ich fragte: gibt es da Elefanten? Da lachte er und sagte: "Nein, da gibt es keine Elefanten."

Ein Jahr später, als ich mal wieder auf dem Hinterhof war, kam Frau Kolbe und fragte mich, ob ich nicht ihren Teppich klopfen könnte und ich sagte ja.
Den Teppich musste ich aus dem dritten Stock runter auf den Hof schleppen. Die größte Schwierigkeit war nicht das Klopfen sondern den Teppich über die Klopfstange zu rollen. Ich war ja noch klein und meine Arme reichten nicht bis an die Stange, und ich war gezwungen mir einen Hocker zu besorgen. Die ersten Male fiel der Teppich auf der anderen Seite wieder runter, bis ich gelernt hatte den Teppich an den Fransen festzuhalten, um dann, in seinem fliegenden Fall auf meiner Seite an den Fransen zu ziehen, und dann rutschte er auf seinen Platz. Zuerst mit der Unterseite nach außen. Nach dem Klopfen wurde die Seite gebürstet. Danach musste der Teppich wieder aufgerollt und erneut über die Stange geworfen werden, diesmal jedoch mit der Oberseite nach außen. Nochmal die gleiche Prozedur, klopfen, bürsten und wieder aufrollen und im dritten Stock wieder abliefern. Verdienst: eine Mark.
Ein anderes Mal fragte Frau Kolbe, ob ich Holz hacken könnte, und ich sagte ja. Am Tag darauf lag ein großer Haufen Bretter auf dem Hof, und ich brauchte wohl eine Woche um ihn zu Kleinholz zu verarbeiten. Das Wichtigste war, dass man sich nicht in die Finger sägte oder mit dem scharfen Beil auf die Finger haute oder beim Hacken das Beil nicht im Bein landete. Aber ich lernte sehr schnell, Bretter in brauchbare Längen zu sägen und Kleinholz zu schnippeln. Ich glaube ich bekam damals fünf Mark dafür.

Arbeit als Botenjunge

Ich war vierzehn geworden und eines Tages fragte mich Rüdiger, der als Fahrradbote bei einem Büroservice Geschäft in der Bahrenfelder Straße sein Taschengeld verdiente, ob ich Ihm in seiner Firma aushelfen könnte. Rüdiger war ein Jahr jünger, und wenn ich am Vormittag zur Schule ging, ging er nachmittags. Deshalb brauchte die Firma einen zweiten Boten. Er hatte mich empfohlen, ich ging zum Geschäft, stellte mich vor und wurde angenommen. Das Fahrrad hatte Gepäckhalter vorn und hinten. Die Pakete waren oft sehr schwer, Fahrradwege gab es nicht, und so zirkelte man in dem schon recht starken Autoverkehr umher, um rechtzeitig beim Kunden zu sein. Es war sehr wichtig, dass man sich in der Stadt auskannte und die Namen aller Straßen wusste. Einmal bekam ich einen Auftrag und glaubte die Straße läge in einem ganz anderen Stadtviertel. Ich war mehrere Stunden unterwegs und als ich zurückkam fragten die Angestellten, ob ich verunglückt sei. Da habe ich mich ein wenig geschämt.

Koks sammeln

Noch waren die Zeiten und die Löhne schlecht, und wenn man Möglichkeit hatte etwas unentgeltlich zu bekommen, auch wenn man dafür einige Stunden arbeiten musste, so war das völlig OK. Bei der Haller Meurer AG, wo unser Vater als Kalkulator arbeitete, bekam er, wie alle anderen in der Belegschaft, einmal im Jahr die Möglichkeit, die Schlacke, der beim Emaillebrennen anfiel, nach nicht verbrannten Koksstücken für Eigengebrauch zu durchsuchen. An dem Tag gingen Vater, Hartmut, Werner und ich mit ein paar Säcken in die Fabrik , zu dem Schlackenhaufen und fingen an ihn umzugraben und fanden dann auch eigentlich immer Koks für vier oder fünf Säcke. Danach liehen wir eine Schubkarre von der Firma und transportierten die Säcke nach Hause. Es war ein willkommener Zuschuss in der schwierigen Zeit.

Baden in der Elbe

Die Elbe ist ja der drittgrößte Fluss Europas. Die Quelle einspringt in der Tschechei und fließt vorbei an den Städten Prag, Dresden, Magdeburg, in Hamburg wird sie breiter und tiefer, und deshalb können riesigen Schiffe von der Nordsee bis in den Hamburger Hafen fahren.
Die ersten Jahre nach dem Kriege badeten wir immer mit unseren Eltern in der Elbe. Später ging ich nur noch mit meinen Brüdern oder meinen Kameraden. Das Spannende war, an gewissen Tagen wurde bei Ebbe ein Badestrand frei und zwölf Stunden später war der Strand wieder verschwunden. Meistens blieben wir dann, bis die Flut das Wasser an die höher gelegenen hohen Gartenmauern spülte und dann mussten wir mit den Schuhen in der Hand gewisse Stellen barfuß durchwaten, um auf die trockne Strandpromenade bei Neumühlen zu kommen.

Leider wurde die Elbe immer schmutziger, denn alle Städte, Fabriken und Menschen längs der Elbe leiteten ihre Abfälle in den Fluss. Jedermann glaubte damals, es gebe so viel Wasser auf der Erde, das man allen Dreck und Chemikalien in den Fluss werfen könnte, ohne dass die Meere zu Schaden kämen. Da hatten die sich aber geirrt, denn nur einige Jahre später musste die Gesundheitsbehörde Badeverbot in der Elbe erteilen, weil das Wasser gesundheitsschädlich geworden war.
Da blieb uns nur noch das große Freibad im Volkspark. Das Freibad öffnete am 1.Mai. Leider war das Wasser nur 17 Grad am Anfang, aber auch da konnte man sich dran gewöhnen.

Ertrinkungsunglück

An einem Sommertag waren wir Straßenfreunde wieder mal in Neumühlen, denn außer dem Badestrand gab es vieles anderes zu sehen und zu erleben. Von unserer Straße aus war es ein recht langer Weg durch den langen Hohenzollernring bis zur Elbchaussee und Donners Park, der sich längs der Küste erstreckt. Vorbei an vielen schönen Villen, erbaut von Kapitänen und reichen Handelsfamilien. Häuser, die wie eine Perlenkette an der Steilküste hängen, damit deren Besitzer als erste sehen konnten, wenn ihre Schiffe den Fluss aufwärts segelten, bevor sie im Hafen anlegten.
Heute sind es immer noch die vermögendsten Bürger, die diese herrlichen Häuser besitzen und an der sonnenbestrahlten Küste die Aussicht auf den Fluss genießen, wo ständig reger Verkehr herrscht und riesige Schiffe aus aller Welt passieren. Lotsen, die große Schiffe entern, um sie entweder zu ihrem angewiesenen Hafenplatz zu dirigieren oder sicher aus dem Hafen zur offenen See zu lenken. Große Bugsierer empfangen die Schiffe und nehmen sie in Schlepp, damit die Propeller mit ihrer großen Kraft nicht das Flussbett aufwirbeln und die Strände oder Kaianlagen zerstören.
Unten im Donners Park, am Steilhang, war es für uns viel lustiger vom Parkweg in die Büsche einzutauchen, denn wenn man erst mal drin war in der üppigen Vegetation, war es leicht in den Fährten der Tiere voranzukommen, in den Bäumen zu klettern, die Äste wie Tarzan als Lianen zu nutzen oder vielleicht die vorbeigehenden Spaziergänger heimlich zu belauschen. Weiter unten endete die Promenade an der Himmelsleiter, der Treppe, die zum Neumühler Hafen mit den flotten, oftmals gut besuchten Restaurants führte, und Övelgönnes romantischer Spazierweg längs der alten prächtigen Häuser mit den gepflegten Gärten.
Neumühlen hat eine Anlegestelle für Ausflugdampfer und Schiffe, die als Verkehrsmittel die kleinen Fischerdörfer nach Fahrplan beidseitig der Elbe befahren. Die Landungsbrücke ist in der Fahrrinne an Duckdalben verankert, die tief im Flussbett eingerammt sind, und ein Brückengang führt die Fahrgäste an Land.
Zwei kleinere Häfen gehören auch dazu und das große Kühlhaus, wo die Eisblöcke für die Restaurants, den Fischfang im Hafen und die Eiskisten in den Wohnhäusern produziert wurden. Die Häfen sind von einer höhen Kaimauer umgeben, wo Schuten und Fischerboote festmachten und in der Mitte waren weitere eichene Duckdalben eingerammt, damit kleinere Schiffe festmachen können, denn die Tide hebt und senkt das Elbwasser um mehrere Meter zwei Mal täglich. Wenn Hochwasser war ,konnte man zu den Duckdalben schwimmen, raufklettern und dann von oben wieder ins Hafenbecken springen. Heute ist es sicherlich verboten, aber damals an einem sonnigen Sonntag waren wir, einige Jungs, die in den Fischerbooten rumkletterten.
Zwei Brüder waren besonders dreist. Sie wollten wohl auch etwas angeben und der Älteste von beiden, er war vielleicht fünfzehn, hüpfte vom Kai ins Wasser, schwamm zum Duckdalben, kletterte hoch und machte eine Kopfsprung ins Wasser. Sein kleinerer Bruder wollte es ihm nachmachen, sprang auch hinein und wollte hochklettern, konnte aber nicht so gut schwimmen und sich auch nicht am Duckdalben halten und versank vor unseren Augen im Hafenbecken. Der Bruder konnte ihn nicht retten, weil das Wasser zu trüb war und er ihn nicht mehr finden konnte. Und wir standen oben auf dem Kai und konnten nur zusehen. Die Feuerwehr kam, konnte ihn aber nur noch tot bergen.
Welch ein fürchterliches Erlebnis. Auf dem Heimweg waren wir sehr betrübt und haben uns ständig gefragt; wie erklärt der Bruder das seinen Eltern?

Ruderboot Abenteuer

Mein Klassenkamerad Jörn Stürnberg hatte zwei Verwandte, Max und Herbert Lührs. Sie betrieben Oevelgönnes Bootclub an der Elbe, mit einer kleinen Bootswerft, einem schwimmenden Bootshaus, mit Bootsvermietung für Gäste, die gern mal ruderten oder denen es beim Spaziergang zu warm wurde und sich mit einer Rudertour etwas erfrischen wollten. Der ältere Bruder Max und seine Frau Eva betrieben außerdem einen kleinen Kiosk im Anschluss an die Bootvermietung.
Ich wurde gut Freund mit dem jüngeren Herbert und ging öfter runter nach Oevelgönne um mitzuhelfen, wenn jemand ein Boot mieten wollte, oder half Herbert beim Verstauen von Paddelbooten im Bootshaus.
Das Bootshaus und die Ruderboote schaukelten vertäut an Bojen im Fluss,
denn das Wasserniveau wechselte mit der Tide. Um ein Ruderboot zu holen, musste man mit einem Arbeitsboot rausrudern, ein Boot in Schlepp nehmen
und zum Strand führen, wo die Gäste es in Empfang nahmen. Bei der Rück-
gabe ging es in die umgekehrte Prozedur. Da meine Mitarbeit unentgeltlich
war, durfte ich so viel rudern, wie ich wollte.
Bei Oevelgönne ist die Elbe circa fünfhundert Meter breit, und auf der anderen
Seite liegt Waltershof, eine Halbinsel, wo heute Hamburgs großer Containerhafen liegt.
An einem Sonntag, keine Rudergäste kamen, nahm ich mir ein Ruderboot und ruderte rüber zur Insel, denn ich war sehr neugierig, wie es dort wohl aussehe.
Die Insel war jedoch völlig uninteressant, mit einem großen Wasserloch in der Mitte. Deshalb blieb ich nicht lange und machte mich wieder auf den Weg zurück. Ich guckte wohl zu beiden Seiten im Fluss und sah in weiter Ferne von beiden Seiten je einen großen Frachter kommen, aber glaubte es zu schaffen zur anderen Seite zu rudern. Fünfhundert Meter sind aber lang, und die Schiffe hatten mich auf halbem Wege eingeholt, und ich wurde mitten in der Fahrrinne zwischen den beiden riesigen Frachtschiffen eingeklemmt. Der eine Frachter war leer und die Propeller schlugen zwei Meter aus dem Wasser. Mein Ruderboot schaukelte wie ein Korken auf den Wellen, und ich hatte richtig Schiss, dass das turbulente Wasser mich in die Schiffsschraube oder der Sog beider Schiffe mich unter Wasser ziehen könnte. Es ging jedoch alles gut, und nach einer schweißtreibenden Minute konnte ich meinen Weg fortsetzen. Ob an Land jemand dies beobacht hatte, weiß ich nicht, aber es ist auch nie zur Sprache gekommen
In den frühen Achtzigern, ich hatte meine Frau Gun geheiratet, waren wir zu Besuch in Ottensen und machten auch einen Besuch bei Herbert Lührs, denn ich wollte ihm meine Frau präsentieren. Es war an einem schönen, windstillen Vorsommertag, und als wir ankamen lud er uns freudig in seine Seekiste ein, bot uns einen Stuhl an, setzte sich seine Kapitänsmütze auf, schmiss sich selber in eine Koje und zog seine Schau ab, indem er uns einen Haufen Seemannslatein erzählte und dabei auf Haizähne und andere Utensilien zeigte.
Dann sagte er : "Mensch, dat is doch son scheunet Wedder, lot uns doch in Garten sitzen!", und wir gingen raus und über den Spazierweg in seine Garten und bis vorne an die hohe Mauer, die nach unten hin die Abgrenzung zum Strand ist. Es war ein kleiner hübscher Garten mit einem Geräteschuppen in der rechten hinteren Ecke. Hinter dem Geräteschuppen stand eine Bank, geschützt vor Einblick, und dort saßen wir drei in der warmen Mittagssonne, mit Blick auf die Elbe. Segelboote und auch ein riesiger Katamaran segelten vorbei, und wir saßen eng beieinander, denn wir wussten Herbert ist krank und sehr schwach und er genoss die Ruhe in unserem Beisein. Er erzählte mir noch, dass er meine Bilder für sein Buch erhalten hatte, wobei er eins davon nicht mochte.
Als wir aufbrachen, half ich ihm noch die zwei Stufen rauf auf den Spazierweg, und dann ließ er uns stehen und ging so schnell er konnte zu seinem umzäunten Vorgarten vorm Haus und stellte sich hinter den Gartenzaun. Wir waren ganz perplex und blieben wohl drei bis vier Meter von Ihm stehen und wussten nicht richtig, wie wir uns verhalten sollten, winkten dann nur, drehten uns um und gingen. Ich glaube aber, ich hatte verstanden, dass er einen traurigen Abschied vermeiden wollte und deshalb so abweisend am Zaun stand. Eine Zeit später ist er gestorben, die Nachricht kam von einem seiner Freunde, der irgendwo an der Alster wohnte.

Spaziergänge mit unserem Vater

Vati ging Sonntagvormittag gern lange spazieren, und manchmal nahm er uns Jungs mit. Lisa und Heidi blieben meistens zu Hause, und Mutti kochte Mittagessen. Ein immer wieder spannendes Erlebnis waren die Spaziergänge mit ihm und meinen Brüdern auf dem Elbuferweg. Von Oevelgönne über Teufelsbrück bis Nienstedten auf dem parkartigen Elb-Wanderweg. Vorbei an wunderschönen Häusern, immer mit der herrlichen Aussicht und dem Treiben auf der Elbe. Zurück ging es dann auf der Flottbeker Chaussee, vorbei an prächtigen Herrschaftshäusern und durch den Jenisch Park oder Hirschpark und wieder auf die Flottbeker Chaussee bis zum Hohenzollernring oder über die Bernadottestraße und dann nach Hause.
Damals gab es an der Flottbeker Chaussee einen weißen Prunkbau, auf einer kleinen Anhöhe stehend, mit mehreren großen Säulen zur Vorderseite. Mir kam es immer vor, als ähnelte es dem Weißen Haus in Washington. Mein Vater wusste damals, wem es gehörte, aber ich habe es inzwischen vergessen. Das Haus steht sicherlich noch , aber ich war neulich da und konnte es nicht mehr finden.
Ein junger schwedischer Freund, der Hamburg öfter besuchte, schwärmte immer von den Hamburger Prachtbauten an der Elbe. 2013 besuchte ich Hamburg mit einem ganzen Bus voller Schweden und wollte ihnen die herrlichen Häuser zeigen, jedoch waren die nicht mehr zu sehen, denn die Gärten und die Bäume auf der Flottbeker Chaussee sind völlig überwuchert und die Paradestraße hat ihren Charme verloren. Schade !

Manchmal spazierten wir auch durch Altona. Den Hohenzollernring runter, durch Donners Park nach Neumühlen und dann links ab in Richtung Neumühler Fischhafen. Dort war noch alles kaputt und außerdem der Fischgestank nicht gerade angenehm.

Deshalb gingen wir lieber den Neumühler Kai wieder hoch bis zur neuangelegten Elbaussicht an der Palmaille. Dann entweder ein Stück die Palmaille runter bis an Bürgermeister Max Brauers Haus oder vorbei am Rathaus in die Bahnhofstraße, durch den Platz der Republik, zum Stuhlmannsbrunnen, an dem die Besatzungssoldaten anscheinend ihre Freude gehabt hatten, denn die Figuren waren stark von Kugeleinschlägen durchlöchert.
Vom Altonaer Bahnhof aus ging es dann durch Ottenser Hauptstraße, Bahrenfelder Straße und Friedensallee zurück. Zwei Mal waren wir auch im Altonaer Museum. Das Haus war auch von einer Bombe getroffen worden, und es dauerte einige Jahre, bis man es wieder eröffnen konnte. Woran ich mich
noch gut erinnere, waren die ausgestellten Bauernstuben, die, anstatt mit
Tapeten tapeziert, mit blauweißen Motivkacheln an allen Wänden, vom
Fussboden bis zur Decke, gekachelt waren.
Vaters Elternhaus war in der Hegestraße in Eppendorf, dort hatten seine Eltern eine Feinwäscherei. Sein Urgroßvater Johann Lorens Schuster war im Jahr
1800 in der Michaelis Kirche getauft worden. Vater war sehr stolz auf Hamburg.
Er nahm uns auch gern mit in die Stadt. Ein paar Mal waren wir auf dem Michel.
Ich bin mir nicht sicher, ob es damals ein Fahrstuhl gab, deshalb sind wir immer
die ganzen Treppen hochgelaufen. Nach Zweidrittel der Besteigung kam das Uhrwerk, und dann, wenn man die Aussichtsplattform erreichte, wurde man mit der tollen Aussicht auf die Stadt und den Hafen belohnt.
Eine Zeit später musste man die Aussichtsfläche mit Drahtgitter einzäunen, weil sich mehrere Menschen aus Verzweiflung vom Turm gestürzt hatten
Als das von einer Bombe getroffene Hamburger Rathaus wieder repariert war, durfte die Bevölkerung es besichtigen. Vater fuhr mit uns dort hin und zeigte uns die schönen Stuckdecken und erzählte vom Onkel Raimond Grün, der als Stuckmeister eine von den Decken im Rathaus hergerichtet hatte und auch beim ersten Elbtunnel 1917 mit Deckenarbeiten dabei war.
An dem Tag war auch die Börse, die ja gleich nebenan liegt, für Besucher geöffnet, und auch dort machten wir noch einen Besuch. Erst heute begreife ich, welchen Nutzen Hamburg von der von Holländern gebauten Börse hat.
Auch Onkel John Eckelmann und Tante Erna besuchten wir. Onkel John war höherer Beamter und war im Krieg ausgebombt worden und hatte alles verloren. Nun wohnte er bei einem Freund in einer Patriziervilla an der Alster, im Keller. Ich war damals wirklich imponiert. Die Kellerwohnung war so groß, dass unsere Wohnung in Altona wahrscheinlich dreimal hineingepasst hätte.
Als wir später im Hauptbahnhof in der Bahnsteighalle auf die S-Bahn wartend
und auf das riesige, gläserne Hallengewölbe schauten, starrte uns das ganze
Dach mit leeren Augen entgegen. Nicht eine einzige Glasscheibe war noch in
dem Dach und ebenso sah es in den anderen drei Bahnhöfen, Dammtor, Schützenstrasse und Altona aus.
Unsere Mutti hatte beide Eltern frühzeitig verloren, die Stiefeltern und ihre Halbschwester wohnten in Farmsen. Sie waren wunderbare Menschen, und
wir fuhren gern mit der ganzen Familie dort hin, denn dort trafen wir dann auch meistens die übrige Verwandtschaft. Es war aber gar nicht so leicht
dorthin zu kommen, denn ich glaube die U-Bahn Strecke nach Farmsen war
noch nicht richtig repariert und deshalb fuhren wir die erste Zeit mit der S-Bahn
bis zum Hauptbahnhof. Dort stiegen wir in einen D-Zug mit Dampflokomotive
und fuhren bis Wandsbek-Gartenstadt .
Von dort ging’s dann zu Fuß nach Farmsen. Ich fand es immer so spannend mit einer Dampflokomotive zu fahren, denn wenn man im Wagon die Fensterscheibe runterließ und den Kopf rausstreckte, schnupperte man den Dampf der Lokomotive und der hatte einen besonderen Duft. In Farmsen hatte Opa einen Schrebergarten, und dort half ich in jedem Herbst das Kartoffelfeld umzugraben.
Eine schöne Erinnerung ist Ostern bei Oma und Opa. Opa ging raus zum nahegelegenen Bach, der zu einem kleinen See führte, und dort versteckte er in den Büschen und Sträuchern Ostereier und dann ging die ganze Familie dorthin und wir Kinder durften Ostereier suchen.


Hammerbrook 1946


Doch jedes Mal auf dem Weg dorthin, wenn wir Berliner Tor und Hammerbrook passierten, war ich so entsetzt, denn dort standen keine Häuser mehr. Der ganzen Stadtteil war ein einziger Trümmerhaufen. Außer dem Bunker und ein paar unbewohnbaren Ruinen, die sich noch trotzig in die Höhe streckten, war alles Schutt und Asche, und an den teilweise freigemachten Straßen standen Nissenhütten als Notunterkünfte für die Bewohner. Die armen Menschen!
Für unsere Eltern war solch eine Fahrt jedes Mal ein Abenteuer. Die wussten nie,
ob die ganze Familie heil nach Hause kommt. Unsere Schwestern Lisa und Heidi saßen immer brav bei Mutti und Vati. Wir Brüder mussten ja in der S-Bahn unbedingt an den Türen stehen und sie aufreißen, wenn wir in die Bahnhöfe einfuhren, um beim Kopfrausstrecken den Fahrtwind zu spüren.
Und trotz aller Ermahnungen war es ja spannend, vom Zug auf den Bahnsteig abzuspringen, bevor der Zug richtig zum Stehen kam. Das erste Mal als ich es meinen Brüdern nachmachen wollte, sprang ich in die Fahrtrichtung ab und machte einen Überschlag. Zum Glück rollte ich zur Bahnsteig Mitte und nicht gegen den Zug. Ein anderes Mal, als wir zum Umsteigen auf dem Bahnsteig gehen, dreht Werner sich im Vorwärtsgehen um und läuft dabei voll gegen einen Laternenpfahl und haut sich Birne. Das rechte Auge schwoll sofort an wie ein Tennisball. Da hatten die Eltern wieder voll zu tun.

Erinnerungen an die Schuljahre

Meine Straßenkameraden und ich verbrachten unsere Schulzeit in der Fischers-allee / Bleickenallee. Adolf Mehl aus dem Nachbarhaus und ich gingen
in der gleichen Klasse. Ein Flügel der Schule war ausgebombt und deshalb
wurde der Unterricht in Vormittags- und Nachmittagsunterricht aufgeteilt. Ging
man die eine Woche vormittags, so hatte man in der darauf folgenden Woche Nachmittagsunterricht.
Manchmal bekamen wir zur Mittagszeit etwas zu essen um besser lernen zu können. Aus dem Grund hatten wir alle ein Gefäß mit in der Schule, wo man
uns, mit Hilfe einer Kelle, das Essen einfüllte. Wenn man Glück hatte, gab es
Suppe oder Hafergrütze. Einige Male gab es gekochte Zuckerrüben, und die schmeckten so widerlich, dass ich lieber hungrig nach Hause ging.


Lehrer Feldmann in der Schule Fischersallee/Bleickenallee


Die ersten fünf Jahre war Herr Feldmann unser Lehrer. Er war eigentlich
Kapitän auf großen Frachtschiffen. Aber weil der größte Teil der deutschen Handelsflotte nach dem Krieg unbrauchbar war, musste er sich sein Brot als Lehrer verdienen.
Er war ein sehr netter Lehrer. Sein Hobby war, uns Schülern alles über die Schifffahrt auf der Elbe beizubringen.
Im letzten Jahr ließ er uns alle eine Zeichnung von der Fahrrinne machen,
wo wir alle Feuer und alle roten, gelben und grünen Zonen einzeichneten,
die den Schiffen den Weg weisen, damit sie nicht auf Grund laufen. Als
dann die Sommerferien kamen, sammelte er alle Mappen ein und war
dann weg, denn er hatte wieder einen Dienst als Kapitän angenommen.
Wir waren damals sauer, aber auch traurig unseren geliebten Lehrer
verloren zu haben.
In der vierten Klasse, gerade als wir anfingen Englisch zu lernen, kam ich für drei Monate ins Kurheim in Hanstedt - Uhlenbusch. Die gesunde Luft sollte mir helfen den Schatten auf der Lunge loszuwerden.

Kurheim Hansstedt-Uhlenbusch

Ich war ja immer schon ein lebhafter Junge und konnte beim Essen den Mund nicht halten. Schon am ersten Tag bekam ich haufenweise Ohrfeigen und weinte mich am Abend in den Schlaf. Am Tag darauf, als man meine Kleidung inspizierte, war die Pflegeschwester so imponiert über die gut geflickte Kleidung, und Mutti bekam einen Lob, und dann war ich wieder froh. Abgesehen von den Bestrafungen mit einem Kleiderbügel, was meistens nachts passierte und mir erspart geblieben ist, war es ein schönes Heim mit gutem Personal und guter Verpflegung.
Einmal jedoch hatte ein Junge in unserer Gruppe zu viel gelogen, und unsere Gruppenschwester hatte die ältesten Jungs beauftragt, ihm einen Denkzettel zu verpassen. Die hatten dem Jungen die Hände hinterrücks zusammengebunden und dann im Wald einen Zweig runtergezogen und die Schnur festgemacht. So, an
der Schnur hängend, hatte man ihn mit einem alten Tannenbaumstamm auf den Hintern gehauen. Ich fand es fürchterlich, und obwohl ich der Kleinste war ,habe mit Nachdruck dafür gesorgt, dass sie Schluss machten. Als die Schwester später den Jungen sah, wurde sie ganz bleich. Sein Po war völlig schwarz. Auf ihre Bitte haben wir es verschwiegen.
Sie hat ihm dann jeden Tag den Po eingesalbt, und es war ihr sicherlich eine Lehre.
Ich kam auch gesund zurück, sechs Kilo schwerer. Die Schule war so langweilig und mein Lehrer schrieb einmal in mein Zeugnis: Uwe ist ein froher, artiger Junge, aber er guckt lieber aus dem Fenster. Leider hatte ich den Englischunterricht verpasst, und mein Lehrer meinte ich würde den Anschluss zum Englisch nicht schaffen und befreite mich vom Unterricht.
Der englische Unterricht war immer in der letzten Stunde, und deshalb durfte ich
eine Stunde früher nach Hause gehen. Damals fand ich das gut. Heute denke ich anders darüber, denn ich hätte sicherlich noch besser Englisch gelernt.

Die nächsten zwei Jahre waren ohne große Ereignisse. Aber dann im achten Schuljahr kam wieder Leben in den Unterricht. Es fing an mit der amerikanischen Rockmusik „Rock around the Clock und dem Film "Denn sie wissen nicht was sie tun“ mit dem jungen Hauptdarsteller James Dean. Das entfachte Aufruhr und viele Lehrer mussten darunter leiden.


Herr Kummer war unser Lehrer in Naturkund,e und auf den hatten wir es abgesehen. In dem Jahr hatten wir neue Schultische bekommen. Anstatt der kleinen Schulpulte waren es einfache Tische, an denen wir zu zweit saßen. In einer seiner Unterrichtstunden hatten wir, bevor er in die Klasse kam, die Tische hintereinander in Reihe gestellt. Im Unterricht wurde er nun alle Augenblick von irgendeinem Schüler gestört, weil dieser über die Tische klettern musste, um zum Beispiel seinen Bleistift anzuspitzen. Zum Schluss stürzte Herr Kummer wutentbrannt aus dem Zimmer, um sich beim Rektor zu beschweren. Und der Rektor kam auch sofort mit, denn er hatte sein Büro gleich neben unserem Klassenzimmer. Aber in der kurzen Zeit hatten wir alle Tische wieder ordentlich hingestellt und saßen da wie kleine Lichter.


Eine andere lustige Erinnerung ist die Chemiestunde. Ein paar Mal im Monat hatten wir Chemieunterricht im Versuchsraum, wo man im Halbkreis, in erhöhten Bankreihen, auf den Lehrer herabschaut, wenn er seine Experimente macht. Es war so spannend ihn dabei zu stören, denn dann wurde der erwischte Störenfried unter unserem Jubel gebeten runterzukommen. Unten zog der Lehrer ihn am Ohr, und dann öffnete er seinen Materialschrank. In der Tür hingen zehn verschieden dicke Rohrstöcke. Nun fragte er den Schüler, ob er Schokolade oder Pralinen bevorzugt und auf die Antwort nahm er einen beliebigen Rohrstock, der Schüler musste sich bücken und dann haute er ihm drei ordentliche Schläge über den Arsch. Welch ein Jubel. Für die meisten Jungs war das wohl die Mannesprobe.

Im achten Schuljahr wurde Herr Göhler unser Klassenlehrer. Er war aus der DDR geflohen, hatte aber seine Frau und die Tochter dort lassen müssen. Als er zu uns in die Schule kam, war er gerade geflohen, und man merkte dass ihm seine Familie fehlte. Es war ja sogar möglich dass der kommunistische Staat Repressalien auf seine Familie ausübte.
Wir Schüler merkten das aber schon recht bald und fingen an ihn zu mobben. Das wurde von Tag zu Tag schlimmer, und ich merkte wie er litt. Und einen Tag, als man wieder was noch Schlimmeres aushecken wollte, wurde es mir zu viel. Unser Klassenzimmer lag im obersten Stock. Ich fing ihn im unteren Stock ab und warnte ihn und bat aber auch, nicht zu erzählen, dass ich gepetzt hatte.

Lehrer Göhler auf Klassenreise mit der Parallelklasse

Er kam dann in die Klasse und meisterte die Situation ohne Schwierigkeit und danach kam langsam Ruhe ins Klassenzimmer.
Ein besonderes Ereignis, woran ich mich sehr gut und gern erinnere war folgendes:
Die letzte Pause war vorbei. Alle anderen Klassen hatten schon Unterricht. Herr Göhler war noch nicht gekommen, und wir hausten wild auf dem Korridor. Mit einem Mal öffnet sich eine andere Klassenzimmertür, ein Lehrer kommt heraus und bittet lauthals um Ruhe und fragt dann einen Schüler, wie lange die Klasse noch
Unterricht hat, und der sagt: noch eine Stunde. Da sagt der Lehrer: dann werdet ihr noch eine weitere Stunde unter meiner Leitung nachsitzen. Geht wieder rein und knallt die Tür zu.
Einen Augenblick später kommt Herr Göhler und zusammen gingen wir diszipliniert rein in unser Klassenzimmer und setzen uns auf unsere Plätze.
Der Lehrer bleibt in der Tür stehen und sagt: Alle wieder raus. Und als wir recht diszipliniert im Korridor stehen sagt er: Alle wieder rein. Wieder gingen wir rein und setzen uns still hin. Er setzte sich, überlegte ein paar Sekunden und sagt dann; ich bin es ja gewohnt lange zu warten, bis ihr alle in der Klasse seid und euch hingesetzt habt. Wenn ihr mir jetzt nicht sofort sagt, was passiert ist, bleiben wir noch eine Stunde länger, im andern Fall könnt ihr jetzt nach Hause gehen, denn ich habe etwas zu erledigen.
Da blieb uns ja nichts anderes übrig, als ihm zu erzählen, was vorgefallen war ,und da sagte er: Jetzt packt ihr alle eure Sachen und dann verschwinden wir still und leise.
Nach diesem Ereignis wurden wir Kumpels mit ihm, und jede Unterrichtstunde wurde für mich zum Erlebnis. Ich hätte sicherlich noch viel gelernt, besonders in Mathematik, wenn er mein Lehrer geblieben wäre.

Eine anderes Ereignis war, als unsere Klasse zur schönen Aussicht in Altona ging um sich die Tina Onassis, den größten Tanker der Welt, anzuschauen, den die Howaldswerke gebaut hatte und der nun auf Jungfernfahrt ging.
Die zwei Schiffspropeller, fünf Meter im Durchmesser, wurden damals bei Teodor Zeise in der Friedensallee gegossen und blank geschliffen und standen wie vergoldet für den Abtransport auf der Straße. Ich kam damals gerade vorbei, als es passierte. Heute sind in die Gießhallen Cafés und Restaurants eingezogen.

Leider verlor ich Lehrer Göhler im neunten Schuljahr, weil die zwei Abgangsklassen in Englisch und nicht Englisch lernende Schüler aufgeteilt wurden. Er bekam die Schüler mit Englisch Unterricht und unser neuer Hauptlehrer wurde Sportlehrer Fausack.

Herr Fausack war sehr unbeliebt bei allen Schülern. Er hatte einen unangenehmen Blick. Manchmal, wenn man von ihm angesprochen wurde und er einen mit dem durchdringend Blick anglotzte, war man sich nicht sicher, wen er angesprochen hatte oder ansah, und wenn man sich dann noch verunsichert umschaute, kriegte man gleich eine schallende Ohrfeige.
Eine andere blöde Angewohnheit vom ihm war: Wenn wir in der Turnhalle Sport machten, wurde grundsätzlich als Letztes „dritter Abschlag“ gespielt. In dem Spiel mussten alle Schüler mit entblößten Oberkörper zwei und zwei in einem Ring stehen ,und zwei waren Fuchs und Hase und jagten um den Ring herum. Wenn der Fuchs dem Hasen zu nahe kam, konnte der sich retten, indem er als dritter vor ein Paar sprang. Nun wurde der äußere Dritte zum Fuchs und jagte den Hasen. Wenn er ihn erwischte. musste er ihm die flache Hand auf den Rücken knallen und das tat weh. Wenn der Fuchs zu lasch schlug, drehte Herr Fausack den Spieß um.
Aus diesen Gründen wurde er nie ein populärer Lehrer, und als wir als Abgangs-klasse noch eine traditionelle Klassenreise in den Harz machten, war das wohl eine Klassenreise, die ihm wohl lange in schmerzlicher Erinnerung blieb.


Klassenreise in den Harz

Die Reise ging mit dem Bus und der erste Aufenthalt war die schöne Stadt Goslar, die alte Kaiserstadt, wunderschön gelegen und mit alten, für den Harz typischen Fachwerkhäusern. Die Ankunft war am Nachmittag und als wir in der Jugend-herberge ankamen checkte der Lehrer uns ein. Wir bekamen unsere Zimmer und hatten dann frei für eigene Aktivitäten, bis zum Abendbrot. Nun gehört zur Sache, dass Schüler, die auch auf dem Schulhof zusammenhielten, auch zusahen, dass sie in der Herberge im gleichen Zimmer schliefen, denn das war ja spannender so.

Nun saßen wir Freunde am offenen Fenster im zweiten Stock, sonnten uns in der Nachmittagssonne und guckten auf die vorbeilaufenden Menschen und in die Umgebung und bemerkten, gar nicht weit entfernt, einen kleinen Berg. Da wir in Hamburg keinen Berg haben, waren wir sehr neugierig, wie die Stadt wohl von da oben aussieht. Der Entschluss war schnell gefasst. Wir laufen da hoch vorm Abendessen, ohne Fausack was zu sagen.

Also liefen wir schnell raus aus der Herberge, ein paar Straßen runter, auch an einigen anderen Schülern vorbei und dann rauf auf den Berg. Was wir nicht wussten: der Berg ist 320 Meter hoch. Es ging in hohem Tempo den Berg hoch. Schon nach kurzer Zeit merkten wir eine Konditionsschwäche, was uns
aber nicht davon abhielt weiter zu krabbeln. Wir liefen ja nicht auf den Wegen, sondern gerade hoch über die Felder und durch den Wald.
Außerdem wollten wir uns ja auch nicht die Blöße geben, es nicht geschafft zu haben. Die Zeit lief uns auch davon, und als wir endlich den Gipfel stürmten, war die Sonne hinterm Berg untergegangen. Die Stadt lag im Dunkeln und war kaum noch zu erkennen. Also schnell wieder runter. Das war aber noch gefährlicher,
denn jetzt sahen wir den Abhang auch nur noch sehr schwach, stolperten über Äste und Erdwurzeln und fielen ständig hin und wurden dabei dreckig wie die Ferkel. Als wir endlich wieder in der Herberge ankamen, empfing uns ein superböser Herr Fausack. Der meckerte uns gehörig aus, und dann mussten wir ohne Essen ins Bett, denn die Küche war schon geschlossen. Wir hatten den Berg völlig falsch eingeschätzt, und es hätte schlimmer ausgehen können.

Zwei Tage später ging es dann zu der neugebauten Oker-Talsperre und dem Stausee bei Claustal Zellerfeld. Am Tag darauf standen wir mehrere Stunden auf der Landstraße und warteten auf den Bus, der zur Reparatur in die Werkstatt musste. Als ein Schüler ihn fragte, wann denn nun endlich der Bus kommt, ist Herr Fausack völlig ausgerastet und hat ihn mit beiden Händen mehrere Male doppelseitig geohrfeigt. Da waren wir richtig empört. An die Rückreise kann ich mich nicht mehr entsinnen, aber das ist ja auch egal.

Hamburger Dom

Der Hamburger Dom auf dem Heiligengeistfeld wurde ja einige Jahre nach
dem Krieg wieder eröffnet, und das war ja für mich das Spannendste überhaupt. Besonders in den ersten Teenagerjahren war ich oft mit Rüdiger auf dem Dom und musste unbedingt mit der Achterbahn fahren und Jahre später alle atemberaubenden Karussells probieren. Angst oder Schwindel kannte ich ja nicht, denn in der Luftrumwirbeln war ich vom Geräteturnen gewohnt. Später lief ich dann mit meinen Gewichtheber-Freunden dort hin, um allen hübschen Mädchen nachzulaufen. Und da ich den Weg von Ottensen über die Große Bergstrasse bis zum Dom meistens zu Fuß ging um Geld zu sparen kam man dadurch ja auch noch über die Reeperbahn und das wurde später mein faszinierender Spielplatz. Meinen ersten Reeperbahn-Besuch machte ich als Dreizehnjähriger zusammen mit meinem gleichaltrigen Turnfreund Rolf Schimansky. Wir fuhren mit dem Fahrrad in kurzen Hosen und Sandalen dort hin um mal zu schauen und landeten in einem Lokal und tranken Bier und schauten auf eine große Leinwand, wo halbnackte Damen gezeigt wurden. Es war aber alles noch sehr anständig. Meine Eltern waren sicherlich oft beunruhigt, denn ich kam schon im gleichen Jahr erst nachts nach Hause, aber sie gewöhnten sich langsam auch daran.

Nick Knatterton

Ungefähr in meinem zehnten Lebensjahr kamen mehrere Kinder- Serienzeitschriften auf den Markt, unter anderen die amerikanischen Comic Zeitschriften, Phantom, Donald Duck und das deutsche Heft Nick Knatterton. Alle drei waren meine Favorite, Nick Knatterton mit seinem Superkinn gefiel mir am besten.
Dreißig Jahre später wurde ich Agent für eine Ofenbaufirma in Nürnberg und Freund mit der Besitzerfamilie Annette und Peter Riedhammer. Eines Tages rief mich Peter an und sagte, wenn du noch keine Sommerferien gebucht hast, kannst
Du unser Schiff „ Nick Knatterton" leihen und 14 Tage rund um Korsika den Urlaub
verbringen. Es wurde eine wundervolle Reise, die wir mit meiner Frau Gun und ein paar Freunden zwei Jahre später wiederholen konnten.
Auf meine Frage, wieso das Schiff diesen Namen hat , sagte Annette: weil es meinem Vater gehörte, und der war der Erfinder der Nick Knatterton Serie..

Schulmeisterschaft im Turnen

Im Frühjahr, bevor meine Schulzeit endlich zu Ende war, hatte die Schule noch die Schulmeisterschaft im Geräteturnen angeordnet, und ich hatte mich beim Lehrer Görs angemeldet, ohne Herrn Fausack zu unterrichten, denn in seinen Sportstunden ging er sowieso immer nur auf dem Fußballplatz mit uns. Ich hatte ja schon vier Jahre lang bei TuS Ottensen von 1893 geturnt und mehrere Turnmeisterschaften mitgemacht. Das wusste Herr Fausack aber nicht. Ich gewann die Schulmeisterschaft und bekam die Theodor Heuss Urkunde und da wurde ich sein großer Star.


Lehrlingsausbildung

Als die Schulzeit zu Ende war, musste ich mich ja nun mit einem Mal entscheiden, welchen Beruf ich ergreifen wollte, und da ich ein mäßig interessierter Schüler war und meine Zeugnisse dementsprechend, kamen die damals so populären Anstellungen bei der Post oder bei der Eisenbahn sowieso nicht in Frage. Ich hatte mir eigentlich bis dahin auch noch keine Gedanken gemacht, was ich werden wollte, und so legte Werners Freund und mein Kaninchenkamerad Günther Meyer für mich ein gutes Wort bei seinem Arbeitgeber, Firma Bauermeister Mühlenbau GmbH in der Friedensallee, ein, und so wurde ich Maschinenschlosserlehrling.

Firma Bauermeister war ein guter Ausbildungsplatz. Wir waren ungefähr 75 Lehrlinge verteilt auf vier Ausbildungsjahre . Das erste Jahr verbrachten wir nur in der Lehrlingswerkstatt mit Feilen, Sägen, Bohren, Drehen, Schweißen, Löten und Schleifen. Im Jahr darauf wurden wir in die verschiedenen Abteilungen eingeschleust und lernten nach und nach die Bearbeitung der Einzelteile, die für die Bauermeister Mühlen und Schokoladenmaschinen bis zur Endmontage notwendig waren.
Hermann Bauermeister spielte Golf , aber er war wohl auf der Fareway meistens am Pflügen, denn bei uns in der Lehrlingswerkstatt kamen ständig die kaputten Schläger an, die wir reparieren mussten.
Seine andere sportliche Betätigung war Jagen.
Im Februar wurde Jagd angeordnet, und dann mussten alle Lehrlinge als Treiber
mit auf die Jagd nach Flottbek. Wir wurden alle mit Knüppeln ausgerüstet und
liefen über die vereisten und schneeverwehten Felder und klapperten aufs Eis und machten uns lauthals bemerkbar. Nun flitzten die Hasen vor uns her und wurden dann von der Jagdgesellschaft, die seitlich zum Feld auf ihren Hockern
saßen, abgeknallt. Wenn noch eins lebte, hoben wir ihn an den Hinterläufen hoch und verpassten ihm mit dem Knüppel eins auf den Hinterkopf und dann war meisten Schluss.
Hinterher gab es dann Erbsensuppe und ein Brötchen, und danach wurden wir mit dem Firmenlastwagen wieder in die Fabrik gefahren.
Im Jahr darauf war es richtig saukalt und wieder liefen wir über die Felder.
Jedoch ging es Herrn Bauermeister zu langsam und er ging seitlich mit uns und trieb uns an. Mit einem Mal war er verschwunden. Nach kurzem Suchen fanden wir ihn in einem schneeverwehtem Loch zwei Meter tiefer in einem Bach stehen. Mit einiger Schwierigkeit konnten wir ihn dann aus seiner Bedrängnis befreien. Hinterher gab es nicht mal mehr Erbsensuppe, sondern wir wurden wieder in die Fabrik gefahren.
Am nächsten Tag hatte Herr Bauermeister eine Lungenentzündung und fast alle Treiber waren krank und zu Haus geblieben. Da wurde es unserem Lehrlingsausbilder Herrn Baumann zu bunt, und er verbot weitere Jagdbeteiligungen.

Ein nächtliches Abenteuer

Wieder einmal ein Wochenende, ich war schon siebzehn und im dritten Lehrjahr, ich war mit Schmalfelds in Sierksdorf /Scharbeutz, und abends ging ich wohl das erste Mal allein zum Tanzen. Die Dorfkneipe hatte einen großen Saal und eine übliche Bauernkapelle spielte Tanzmusik. Ich hatte mich hübsch angezogen und als ich rein kam in den Saal fiel mir auf, dass mich ein Mädchen anstarrte und mit einer Freundin über mich sprach. Und nach einer Weile habe ich dann gewagt mit Ihr zu tanzen und wir fanden einander an dem Abend. Sie kam aus Oldenburg in Holstein und arbeite als Pflegeschwester in einem Heim in Scharbeutz.

Zur Mitternacht schloss das Lokal und da es eine laue Sommernacht war, wollten wir noch nicht nach Hause gehen und spazierten umher auf der Strandpromenade und im Park direkt am Strand. Im Park war auch ein Musikpavillon und in seinem Schutz küssten wir uns zum ersten Mal, und nach einigen Küssen nahm sie meine Hand und zeigte mir, wo es hingeht, und da wurde mir ganz schwach in den Knien. Und dann lief sie runter mit mir zum Strand und zog mich in einen der Strandkörbe, und da verloren wir beide unsere Unschuld.

Am kommenden Tag wollten wir uns wieder treffen. Wir hatten sogar einen Treffpunkt vereinbart. Familie Schmalfeld hatte sich aber entschlossen, nach Hause zu fahren und da ich weder Ihren Namen noch Ihren Arbeitsplatz wusste, konnte ich sie nicht benachrichtigen, und wir haben uns nie mehr getroffen. Ich war eine Zeit sehr betrübt darüber, musste mich aber mit dem Schicksal abfinden

Arbeit auf der Werft

Im vierten Lehrjahr mussten wir dann eine Lehrlingsprüfung in einem anderen Betrieb ablegen, um den erwünschten Gesellenbrief zu erhalten.
Da Firma Bauermeister nach der Abschlussprüfung nicht alle Lehrlinge behalten konnte, war ich gezwungen mir einen anderen Arbeitsplatz zu suchen, und da fiel
die Wahl auf die Werft Blohm und Voss, die um Arbeitskraft annoncierte und gut bezahlte, denn sie hatten schon wieder volle Auftragsbücher.
Vor dem Krieg war sie die größte Werft Deutschlands, die viele große Kriegsschiffe produziert hatte und deshalb von der englischen Kriegsmacht völlig ausgebombt wurde.
Ich bewarb mich, erhielt die Anstellung und kam in die Abteilung Schaft und Schraube. Mein hauptsächlicher Arbeitsplatz war auf einem Schwimmdock, wo man die Ruder und Propeller und die Antriebswellen an den großen Schiffen reparierte.

Es war harte Arbeit, denn die Schiffsrumpfe waren meistens voll mit Schnecken und das machte das Lösen von Schraube zu einem Problem. Die Bolzen
und Muttern mussten fast alle mit einem riesigen Gasbrenner vorgewärmt und dann mit Vorschlaghammern und riesigen Schlüsseln bearbeitet werden, bevor
sie sich lösten. Wenn das nicht ging, blieb nur noch ein Abbrennen mit einem Schweißbrenner möglich. Wenn ein Ruder oder ein Propeller abgenommen
wurde, stand man auf einem Gerüst, breitbeinig auf wackeligen Planken, drei
Meter überm Boden und drosch mit großen Vorschlaghammern auf Keile.
Schlug man am Keil vorbei, konnte man mit dem Hammer in die Tiefe fallen.

Um die Liegezeit auf der Werft aus Kostengründen so kurz wie möglich zu halten bestellten die Reedereien solche Arbeiten in der Regel als Nachtarbeit und somit wurden viele gutbezahlte Nachtschichten eingelegt. Die Arbeiten waren meistens mitternachts abgeschlossen, und danach lagen wir alle in der Arbeitsbude auf dem Fussboden und schliefen bis die nächste Schicht kam. Wenn man nach der Arbeit nicht durch den langen Elbtunnel laufen wollte, konnte man auch mit einer Barkasse zu den Landungsbrücken übersetzen.
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.