Erinnerungen an Ottensen

Uwe Schuster, geboren und aufgewachsen in Altona, heute in Schweden zu Hause.
 
Unsere Strasse ist die Strassenecke Friedensallee, Daimlerstrasse und Gr. Brunnenstrasse in Ottensen.
 
Uwe Schuster heute - mit seinen Enkelnkindern.
Hamburg: Ottensen |

Manuskript von Uwe Schuster, Helsingborg, Schweden.

Hallo,

ich bin der Uwe Schuster, der als junger Mann nach Schweden auswanderte, sich aber auch noch gern an seine alte Heimat und die Jugendjahre in Ottensen erinnert, denn mein Herz schlägt immer noch für Altona.
Vieles hat sich in den letzten sechzig Jahren verändert und die heutige Jugend kann sich gar nicht mehr vorstellen wie wir Kinder, die um den zweiten Weltkrieg geboren wurden und in der Nachkriegszeit aufwuchsen, gelebt haben und deshalb möchte ich meine Erinnerungen aus der Jugendzeit erzählen.
Unser Vater Gerhard Schuster hatte eine Anstellung bei der Firma Haller Meurer AG in der Friedensallee als Kalkulator angenommen und war zuerst mit unserer Mutter Ottilie nach Ottensen in die Moortwiete 28 gezogen. Später, wie ich als viertes Kind auf dem Weg war, brauchten sie eine größere Wohnung. Am 10. Dezember 1940 erblickte ich im Kinderkrankenhaus am Othmarscher Kirchenweg das Licht der Welt, und 1942 sind unsere Eltern mit uns in die schöne viereinhalb Zimmer Mietwohnung im ersten Stock in der Moortwiete 6 umgezogen.
Acht Jahre später wurde die Straße in die Daimlerstrasse umgetauft.
Die Wohnung war 45 Jahre unser Elternhaus, bis unsere Mutter verstarb. Wir fünf Kinder, Lisa, Hartmut, Werner, Heidi und ich haben viele schöne Jahre in dieser Wohnung verlebt und auch alle Enkelkinder haben gemütliche Geburtstage und Weihnachten mit uns in dieser Wohnung gefeiert.
Wilhelm Andersen, ein freundlicher alter Mann, war der Hausbesitzer. Er und seine Frau kamen vom Lande und hatten Ihren Bauernhof verkauft, waren in die Stadt Altona gezogen und hatten sich in Ottensen dieses Mietshaus bauen lassen. Das Haus, Moortwiete 6, war schon recht modern in seiner architektonischen Ausführung. Ein Teil der Fassade war in rotem Mauerstein und Spitzdach und andere Teile weiß verputzt. Der dazugehörende Winkelanbau Siemensstraße 2,
später Plankstrasse, hatte nur eine Putzfassade. Beide Häuser zusammen hatten 18 Mietwohnungen und zur Moortwiete hin drei Geschäfte. Ein Zigarrenladen, einen Fischladen und einen Milchladen.
Die Häuser Moortwiete 2 und 6 hatten vor dem Krieg zur Straße hin Vorgärten mit Gartenzäunen aus Gusseisen. Aber alle eisernen Gitterzäune hatte Hitler absägen lassen, denn er brauchte mehr Eisen für seine Kanonenproduktion. Die zwei großen Mietshäuser zusammen mit ein paar gemauerten Häuservorgärten auf der gegenüber liegenden Straßenseite und die offene Fläche vor Schmidts Feinkostgeschäft, welches nach Hörensagen eigentlich eine U-Bahn Eingangshalle werden sollte, und die bepflasterte Fahrbahn waren unser sonniger Kinderspielplatz.


Meine erste Erinnerung

Meine früheste Erinnerung im Leben ist mein erster Krankenhausaufenthalt im Kinderkrankenhaus am Othmarscher Kirchenweg. Ich hatte als Dreijähriger eine Blinddarmentzündung. Nach der Operation und guter Genesung machte ich mit Hilfe einer Krankenschwester meinen ersten Spaziergang im Krankenhaus. Den glatten Linoleumfussboden in den Krankensälen und die freudige Begrüßung „Hallo Uwe“ aller Mitpatienten als ich, mit glitschigen Beinchen, an der Hand der Krankenschwester den Nebensaal betrat, hab ich nicht vergessen..



Kriegszeit

Die nächste, weitaus bewusstere Erinnerung ist der Zweite Weltkrieg.
Die ersten Jahre war Altona noch etwas verschont geblieben. Doch dann starteten im Herbst 1944 die intensiven Luftangriffe auf Hamburg. Abends mussten alle Fenster durch Rollgardinen verdunkelt werden, damit kein Licht nach draußen drang, das den Angreifern helfen könnte, die Häuser zu finden, auf welche sie ihre Bomben abwerfen konnten. Wenn die Flugzeuge über die Nordsee einflogen, gab es Fliegeralarm, und dann wurden wir Kinder geweckt. Die großen Geschwister mussten sich selber anziehen, meine kleine Schwester Heidi und ich wurden von unserer Mutter angezogen und dann liefen wir alle zusammen zum Bunker in der Friedensallee. Hatte man Pech, war der Bunker schon voll und keine Menschen wurden mehr reingelassen. Dann konnte man nur noch zu den höheren Mächten beten, uns vor fallenden Bomben zu schützen. Zwei Mal haben wir draußen gestanden.
Unser Vater wurde nicht zum Militär eingezogen, weil er in der Fabrik Haller Meurer AG gebraucht wurde. Er musste dafür aber oft auf unserem Hausdach als Luftschutzwache und Observator Dienst tun.

Eine Nacht, als wiederum die Alarmsirenen heulten, war ich als Erster angezogen. Und da es mir mal wieder alles zu lange dauerte, sagte ich zu Mutti: Ich geh schon runter und warte vor der Haustür. Unten hatte Fischhändler Freese seine Fischkisten gestapelt und ich spielte dahinter und merkte nicht, dass meine Geschwister und später auch meine Eltern mit Heidi schweigend zum Bunker gingen. Nach einer Weile setzte ich mich auf die Eingangstreppe und wartete.

Mit einem Mal fing es an am Himmel zu brummen und ich sah wie Bombenflugzeuge hoch über den Dächern der Gr.Brunnenstrasse einflogen. Die Luftschutzsirenen fingen an zu heulen, riesige Scheinwerfer strahlten die Flugzeuge vom Boden aus an, Fangballons schwebten am Himmel und ich konnte auch die Abwehrflaks hören, die die Flugzeuge beschossen. Gleichzeitig kam von ganz oben im Haus eine Person die Treppen runtergestürzt. Es war Herr Noss, der in dieser Nacht auf dem Dach Luftschutzwart war. Als er mich sah, fragte er: Was machst du den noch hier? und ich sagte: Ich warte auf meine Mama. Aber die sind ja schon lange im Bunker, sagte er, und dann setzte er mich auf seine Schultern und dann sprangen wir zum Bunker. Meine Mutter hat später immer gesagt; Dir habe ich meine ersten grauen Haare zu verdanken. Ich glaubte du warst mit deinen Geschwistern vorausgegangen und war so besorgt um dich, als du nicht im Bunker warst.


Eine andere Nacht, als wir wieder im Bunker saßen kam die Meldung im Lautsprecher, dass unser Haus von einer Bombe getroffen worden war. Meine Mutter fing an zu weinen, denn unser Vater hatte in dieser Nacht Dienst auf dem Dach. Zum Glück kam kurz darauf die Meldung, dass nicht unser, sondern das Haus auf der anderen Straßenecke Moortwiete/ Siemensstraße getroffen war. Als wir dann nach Hause kamen, kam uns unser Vati entgegen und Mutti schloss ihn ganz fest in die Arme und auch wir umarmten ihn. Gleichzeitig sahen wir die Katastrophe. Die ganze Häuserecke war zusammengefallen und die Trümmer lagen hoch bis auf die andere Straßenseite. Ein Bagger war auch schon am Werk und machte die Straße frei und die Heimwehr kroch in den Trümmern herum und suchte nach Überlebenden. Am Tag darauf fand man die Menschen in den Kellern. Die Familien hatten sich abgesprochen, nicht zum Bunker zu rennen, denn die Chance getroffen zu werden war gering. Nur eine Familie hatte es nicht gewagt und deshalb überlebt. Eine Luftdruckbombe hatte das Haus getroffen und die Lungen der Menschen gesprengt. Sie saßen alle auf Ihren Stühlen als wenn sie schliefen. Am nächsten Tag hat man achtzig Leichen provisorisch in dem an uns angrenz-enden Schuppen auf dem Kohlenhof gestapelt.

Und dann, am 6. Mai 1945 war der Krieg endlich vorbei. Die Engländer standen
mit ihrer Armee vor Altona beim Christianeum in Othmarschen und warteten auf die Kapitulation, um dann Hamburg ohne Gegenwehr zu besetzten. Ich kann mich noch an die Freude aller Menschen erinnern, als die Nachricht im Radio kam, dass Deutschland kapituliert hatte und der Krieg endlich zu Ende war. Aber noch viele Jahre später hat unsere Mutter sich immer die Ohren zugehalten, wenn ein Flugzeug über unser Haus hinweg flog.




Nachkriegszeit

Jetzt begann der Kampf ums Überleben. Es gab ja keine Arbeit, kaum noch etwas zu Essen. Viele Menschen hatten Hab und Gut verloren. Man lief durch die Trümmerhaufen in den Straßen, in der Hoffnung irgendetwas zu finden, was man gebrauchen könnte. Zum Glück hatte unser Vater seine Arbeit behalten. Haller Meurer AG, die in Friedenszeit Gasherde und Heizelemente herstellte, hatte für die Wehrmacht Kanonenhülsen gefertigt. Das wussten natürlich auch die Engländer und als der große Luftangriff war, hatte man die Fabrik mit Präzision dem Erdboden gleich gemacht. Dass dabei alle direkt anliegenden Wohnhäuser in der Friedensallee und Große Brunnenstrasse auch kaputt gingen, war eben Schicksal. Nun musste die Fabrik wieder aufgebaut werden, und da brauchte man unseren Vater, der als Kalkulator für die Wiederinstandsetzung der Fabrik notwendig war. Sein Gehalt hatte man wesentlich gekürzt, aber er hatte wenigstens Arbeit und sicherte ein kleines Einkommen für die Familie.

So langsam kam auch die Stadtverwaltung mit Hilfe der Engländer wieder in Gang. Provisorische Schlafplätze und Wohnraum für die heimatlosen Menschen mussten geschaffen werden, denn die provisorischen Nissenhütten in der Bahrenfelder Straße reichten ja bei weitem nicht aus. Schon nach kurzer Zeit bekamen wir Besuch von der Wohnbehörde, die sich unsere Wohnung anschaute und uns zwang, ein Zimmer zur Verfügung zu stellen. Frau Buhmann und Ihr erwachsener Sohn zogen bei uns ein und wohnten im großen Zimmer neben der Küche zum Hinterhof, für drei oder vier Jahre. Unsere Eltern waren ja nicht so begeistert. Nun galt es zusammenzurücken. Mit einem Mal wurde das zweite Wohnzimmer zum Schlafzimmer der Eltern und Baby Heidi. Wir drei Jungs kamen in das dritte Zimmer zur Straße hin und Lisa zog in die Mägdekammer ein.

Die Kammer grenzte mit der einen Wand zum Treppenhaus und der anderen zum Badezimmer und beide Räumlichkeiten waren nicht aufgewärmt, und da die Winter in den Jahren fürchterlich kalt waren, konnte man nur mit Hilfe einer dicken Daunendecke und einen im Backofen aufgewärmten, in Zeitung eigewickelten Backstein, den Mutti abends ins Bett legte, in dem Zimmer überleben. Unsere Eltern, die das zweite Wohnzimmer mit dem Balkon zum Schlafzimmer machen mussten, waren sonntags auch immer fast am Sterben, wenn der junge Jens Wildgruber in der Nachbarwohnung um acht Uhr morgens seine Klavierübungen klimperte.

Zum Glück gab es ja schon seit vor dem Krieg Lebensmittelmarken, damit jede Person überhaupt etwas zu essen kaufen könnte. Brauchte man mehr, musste man ständig zu den Behörden laufen, um die eine oder andere Extraration zu erhalten. Alle Kleinkinder wurden nun auch ärztlich untersucht. Ich war ein kleiner, schmächtiger Junge und bei mir stellte man fest, dass ich einen Schatten auf der Lunge hatte. Dafür bekam unsere Familie Extramarken für ein halbes Pfund Butter.
Durch den Hunger und die Armut kamen Krankheiten dazu. Auf Grund übler sanitärer Verhältnisse war Diphterie eine solche lebensgefährliche Ansteckungs-krankheit. Wenn die geringste Gefahr bestand, dass eine Person diese Krankheit haben könnte, musste das sofort ärztlich gemeldet werden und dann kam ein spezieller Krankenwagen und holte die Person zur völligen Isolierung ab. Unser Bruder Hartmut hatte auch ähnliche Symptome und wurde sofort abgeholt. Zum Glück hatte er die Krankheit nicht und war nach einer Woche wieder zu Hause.

Um den fürchterlichen Hunger wenigstens für die Kinder zu lindern hatte Schweden Geld gespendet. Dafür kochte eine Hilfsorganisation Gemüse-Nudelsuppe, die als Schwedensuppe bekannt wurde, und eine kurze Zeit einmal die Woche allen Kindern in unserer Umgebung in der Eckkneipe Barnerstrasse- Borselstrasse serviert wurde.

Menschen fingen an zu hamstern. Unsere Mutter und Frau Ohlen, eine Nachbarin von gegenüber, fingen auch damit an. Sie nahmen ein paar bessere Haushaltssachen in ihren Rucksäcken und Koffern mit und fuhren aufs Land und tauschen sie bei den Bauern gegen Gemüse und Obst ein. Das war natürlich eine riskante Angelegenheit, denn Hamstern war verboten. Einmal als sie wieder auf Hamstertour waren und über die Äcker mit voller Last heimwärts wanderten und über Zäune kletterten, wurden sie von der Polizei geschnappt.
Frau Ohlen war aber recht stark, und als die Polizei sie fragte, was denn in ihrem Koffer sei, hatte sie mit Leichtigkeit den vollen Koffer hochgehoben und gesagt: Der ist leer. Da hatten sie die beiden Frauen laufen lassen und so kamen sie spät abends nach Haus. Und wir saßen da, mit großen Augen, und freuten uns wenn Mutter alles auspackte, was sie ergattert hatte. In der Nähe vom Spritzenplatz war ein jüdischer Antiquitätenhändler. Als mal richtig Ebbe in der Kasse war, schickte Mutti mich mit ein paar Tellern vom besten Geschirr dorthin und dann bekamen wir ein paar Mark dafür.


Die kalten Winter waren auch eine richtige Plage. Tagsüber lebten wir hauptsächlich in der Küche. Kohle und Koks waren richtige Mangelware, und Mutti war froh, wenn wir ab und zu Holz oder Kohle auftreiben konnten, denn dann konnte sie mal eine kurze Stunde den Küchenofen anheizen und sich aufwärmen.

Die Engländer hatten mehrere Wohnblocks am Hohenzollernring, oberhalb der Bleickenallee, beschlagnahmt und kriegten unbegrenzt Kohle für ihre Wohnungen. Die Kohle wurde aus der Kohlentwiete geliefert, und ich ging ab und zu mit einem Eimer und einem großen Pflasterstein dorthin. An der Ecke Schützenstraße stellte ich mich hin. Wenn der Kohlenwagen aus der Kohlentwiete kam und in die Kurve fuhr, schmiss ich den Pflasterstein unter die Hinterräder, der Wagen machte einen Hopsa und wenn ich Glück hatte fielen einige Kohlenstücke runter. Dann galt es sofort die Kohle aufzusammeln und zu verschwinden. Nach kurzer Zeit aber war die Polizei informiert und überwachte die Transporte.

Unser ehrlicher Vater hat auch mal versucht Kohle zu klauen. Es ging wie ein Lauffeuer herum, dass ein ganzer Kohlenzug auf dem Bahndamm über der Unterführung in der Moortwiete stand, und nun liefen alle Menschen mit einem Sack dahin zum Kohlenklauen. Man musste am Tunnel den Bahnwall hoch und die Waggons entern und da oben lag Steinkohle. Vater war fleißig am Sammeln und merkte nicht, dass die Polizei kam. Die Anderen hatten sich alle aus den Staub gemacht. Vater hatte wohl den Warnpfiff nicht gehört und sie hatten ihn geschnappt und er musste alles abgeben. Ob er eine Strafe bekommen hat, ist nie erwähnt worden. Bei späteren Familienfeiern haben wir aber oft darüber gelacht.

Und irgendwann wurden die Strapazen weniger. Es fehlte wohl immer noch an allem, aber das Leben wurde etwas leichter und so begann für uns Kinder die Jagd nach Süßigkeiten. Manchmal konnte Mutti eine Brotscheibe in der Pfanne braten und Zucker draufstreuen oder ein Zuckerei schlagen, dann war Fest. Den Rest vom Eiweiß in der Eierschale schmierten wir uns dann noch ins Gesicht, Wenn man einen Augenblick wartete und dann Grimassen machte, sah man aus wie ein runzeliger alter Mann.
In der Bahrenfelder Straße auf einem Hinterhof gab es einen Eishersteller, der verkaufte Eis, aus Fischmehl hergestellt – selbst das haben wir mit Wonne genossen. Später öffnete die Eisdiele Schienmann an der Ecke Bahrenfelder Steindamm, gleich hinter der Unterführung neben den Gleisen, wo es dann richtiges Eis gab. An schönen Sommerabenden war dort eine 20 Meter lange Schlange um Eis zu kaufen.


Die Engländer fingen jetzt auch an, sich für uns Kinder zu interessieren. In der Moortwiete hinter der Unterführung war ein Barackenlager. Ein Mal in der Woche wurde eine Baracke zum Kinosaal umgestaltet und dann zeigte man amerikanische und englische Nachrichten und danach, zu unserem größten Vergnügen, Donald Duck, Wald Disney, Robin Hood und Errol Flynn Filme in Farbe. Manchmal bekamen wir vorm Nachhausegehen sogar noch eine Päckchen mit Erdnüssen oder einen Marsriegel und Biskuits. Dann waren wir richtig glücklich.

Weihnachtszeit.

Eine schöne Tradition waren unsere Weihnachtsfeiern. Am Heiligabend, um 16 Uhr, wurden wir alle ins Haus gerufen. Dann wurde gebadet und danach packten wir Kinder unsere Geschenke ein. Für Mutti waren es ja meistens Haushaltssachen und für Vati ein Paket Zigaretten. Dann servierte Mutti in der Küche Würstchen mit Kartoffelsalat und um 19 Uhr standen wir Kinder alle in Reih und Glied im Korridor vor verschlossener Wohnstubentür. Wenn man im Türenoberlicht sah, wie die Kerzen im Tannenbaum angezündet wurden und Mutti anfing Weihnachtslieder auf dem Klavier zu spielen, dann öffnete Vati die Tür und wir wanderten singend im Gänsemarsch hinein in die gute Stube und um den Gabentisch herum, bis Mutti aufhörte zu spielen. Jedes Kind hatte einen eigenen Platz und außer den meistens praktischen Geschenken wie Kleidung und Bücher auch einen Weihnachtsteller mit Süßigkeiten. Für die Kleinsten, Heidi und mich, hatten die Ältesten Lisa, Hartmut und Werner Spielsachen wie Puppenstube und Ritterburg gebastelt, oder Vati hatte ein Schuco Auto oder eine Aufzieheisenbahn für mich auf dem Fussboden aufgebaut.

Hinterher kamen meistens noch unsere Nachbarn Emma und Ernst Minne aus der Daimlerstrasse 28, die ihren Sohn Helmut im Feldzug in Russland verloren hatten. Dann mussten wir Jüngsten unter dem Tannenbaum noch ein Gedicht aufsagen, bevor man uns ins Bett schickte. Es war trotz aller Entbehrungen eine fröhliche Zeit für uns Kinder und sicherlich nicht leicht für unsere Eltern, uns diese schönen Stunden in der Nachkriegszeit zu ermöglichen.



Silvester

Es dauerte gar nicht lange, da fingen die Altonaer wieder an für Silvester traditionelles Feuerwerk zu kaufen. Wir, die Kleinsten, mussten uns ja noch die ersten Jahre mit Knallfröschen begnügen. Am späten Nachmittag, wenn es dunkel würde, verkleideten wir Kinder uns zu Hexen und Lausbuben und dann gingen wir als Gruppe in die Wohnhäuser und klingelten bei den Mietern. Wenn sie öffneten, sangen wir folgendes Lied:

Rummel, rummel Rogen
Gif mi en Appelkogen
Lot mi nich so lange ston
Denn ik mutt noch wider gon
En Hus wider wohnt de Snieder
En Hus achter wohnt de slakter
Haut de katt en svans af
Hau en nich to lang af
Lot en lütten stummel dran
Dat den wedder wachsen kann.


Und dann hielten wir alle unseren kleinen Gabensack auf und erwarteten Frucht oder Schokolade. Manchmal kriegten wir sogar ein paar Groschen.
Wenn ein Mieter verärgert die Tür zu machte, spielten wir ihm meistens noch einen Schabernack.

Und so kam die spannende Neujahrsnacht. Die Erwachsenen standen fast alle auf ihren Balkons und schossen haufenweise Raketen ab. Der Himmel war so hell, dass man das Gefühl hatte, die Stadt brennt. Wir Kinder zündeten unsere Knallfrösche an und die Jugendlichen ihr Feuerwerk und es knallte und heulte, dass einem angst und bange wurde.
Einmal passierte es, dass Hartmut oder Werner einen Knaller geworfen hatte, der nicht zündete. Ich lief hin und hob ihn, wohlweislich nur am verschlossenen Ende, mit den Fingerspitzen auf und als ich genauer hinschaute, ob der Docht noch da war, explodierte er vor meinem Gesicht. Zum Glück passierte mir nichts, aber fast eine halbe Minute sah ich nur noch Sterne und war ganz benommen.

Nachdem ich mein eigenes Taschengeld verdiente, konnte mich keiner mehr aufhalten, in die Ottenser Hauptstraße zu laufen um mich dort mit richtigen Knallkörper zu versorgen. Dazu kaufte ich mir auch noch einen dunkelgrauen Zylinderhut aus Presspapp, eine Nase mit Schnurrbart und Girlanden, die ich
mir um den Hals wickelte und dann kaufte ich mir noch in unserem Zigarrenladen einen Stumpen für zehn Pfennig. Dann war mein Outfit fertig und so spankulierte ich in unserer Straße herum.
Ich erinnere mich noch an unseren Drogisten, der in dem gerade wieder neu gebauten Eckhaus in der Daimlerstrasse/ Plankstrasse eine Drogerie eröffnet hatte, wo wir Kinder oft nach Ladenschluss standen und ins Schaufenster guckten, und das Fragespiel "Ich sehe was Du nicht siehst" spielten und man dann den Preis in den ausgelegten Waren finden musste.

Als der Drogist mich kleinen Knirps mit Zylinderhut, Nase mit Schnurrbart an einer großen Zigarre rauchend ins Schaufenster sehen sah, hat er sich halb totgelacht, mich reingerufen, gefragt, ob ich auch Windeln anhätte und mir dann ein paar Süßigkeiten in die Tasche gesteckt und Prost Neujahr gewünscht.

Ein anderes nicht so durchdachtes Erlebnis war folgendes: Werner und ich standen am Silvesterabend im Kinderzimmer, am offenen Fenster zur Straße hin, und wollten einen Hexenpfeifer auf dem Fensterrahmen liegend abschießen. Wir wurden uns aber nicht einig, zu welcher Seite der Zünddocht liegen muss. Er wollte ihn nach innen ins Zimmer zeigend und ich zur Straße hin. Und nach einigem hin und her sagte Werner: Ok, wir machen mal so wie du willst, du wirst ja sehen, legte den Zünddocht nach außen und ich durfte ihn anzünden. Der Hexenpfeifer fuhr ins Zimmer, raste zwischen den Wänden herum und landete dann unter einem Bett und erlosch. Mensch, war ich erschrocken. Werner lachte. Die Eltern kamen angelaufen und wollten wissen, was wir angestellt hatten, aber da kein Brandschaden entstanden war, haben wir es verschwiegen und es ist auch nie rausgekommen. Das gab mir aber einen Denkzettel, denn es hätte ganz schlimm enden können.

Oh, wie ist das Leben schön

Ich entsinne mich auch noch an einem Vormittag im Frühjahr, ich war wohl gerade acht und sprang runter zum Spielen. Als ich die Haustür aufmachte, schien mir die Sonne ins Gesicht und die Bäume waren Frühlingsgrün und eine herrliche, lauwarme frische Luft strömte mir entgegen. Da durchfuhr mich ein wunderbares Glücksgefühl und ich hüpfte und tanzte umher und schrie: hurra ich lebe, hurra ich lebe.

Ausflug nach Planten un Blomen

Ein Sonntag hatte meine große Schwester Lisa meinen Eltern versprochen, mit Heidi und mir nach Planten un Blomen zu fahren. Der Park ist ja nicht nur ein riesiger botanischer Garten sondern auch ein Vergnügungspark, wo sonntags nachmittags Militärorchester Marschmusik spielten. Wir mussten bis zum Altonaer Bahnhof gehen, stiegen dann in der Allee in die Straßenbahn und fuhren bis Dammtor Bahnhof. Dann ging man durch den ziemlich ausgebombten Bahnhof zum Park. Am Eingang angekommen, kaufte Lisa die Eintrittskarten und dann ging’s rein ins Gewimmel, denn es war ein sonniger Tag und viele Menschen wollten den Tag im Park genießen.
Ganz in der Nähe vom Hauptrestaurant, hatte die Parkverwaltung mehrere Trampolinmatten ebenerdig in den Boden eingelassen, wo Eltern ihre Kinder spielen ließen, um selber in Ruhe essen zu können und gleichzeitig Aufsicht auf
sie zu haben.
Das war ja genau das Richtige für mich und Lisa sagte: Du kannst hier spielen, und Heidi und ich gehen spazieren. Wenn du keine Lust mehr hast stellst du dich einfach an den Pfeiler dahinten und wartest auf uns. Zuhören und Warten war ja nicht meine beste Seite und ich nickte nur, denn die Trampoline sahen so verlockend aus. Nach ein paar Stunden war ich müde, stellte mich an den Pfeiler und wartete eine kleine Weile, aber da niemand kam war ich mir sicher: Die sind
nach Hause gefahren, und machte mich auch auf den Weg. Also raus aus dem Haupteingang. Als ich draußen stand, fiel mir ein, dass ich ja gar kein Geld für die Straßenbahn hatte. Aber nun war ich ja draußen und konnte nicht wieder rein, um nachzusehen, ob sie vielleicht doch noch da waren.
Also blieb mir nichts anderes übrig als zum Bahnhof zu gehen, zu gucken wo unsere Straßenbahn abfuhr, um dann den Schienen nach nach Hause zu laufen. Und so war ich nach ca. zweieinhalb Stunden in der Moortwiete. Als ich dort um die Ecke bog, spielte Lisa mit ihren Freundinnen. Sie guckte wohl ein wenig komisch auf mich, sagte aber kein Wort. Als ich in die Wohnung kam, saßen meine Eltern im Wohnzimmer und sagten nur: Schön, dass du wieder da bist.
Ich hatte ja nun mit einer richtigen Ausschelte oder sogar mit ein paar saftigen Backfeigen gerechnet, aber zu meiner großen Erleichterung kam nichts desgleichen.
Vor zwei Jahren, Lisa war schon im Altersheim, fiel mir diese Geschichte wieder ein und mich überkam ein schlechtes Gewissen. Ich rief bei ihr an und fragte sie, ob sie sich an diese Geschichte erinnern könne und ob sie damals ausgescholten wurde, und da sagte sie: Denke dir Uwe, vor ein paar Tagen habe ich davon geträumt und ich kann dir sagen: ich bin nicht ausgeschimpft worden und weiß nur, dass Mutti und Vati sehr glücklich waren, als du wieder daheim warst.

Kaugummi

Rüdiger und ich spielten wie immer auf der Straße, als vier junge englische Soldaten an uns vorbeigingen. Sie waren auf dem Weg in die Moortwiete 28, denn dort auf dem Hinterhof lag die Schuhfabrik Armbruster, wo sie Ihre Soldatenstiefel bestellten. Natürlich fragten wir sofort: Do you have Shoigum, was sich wohl fast alle Kinder gleich gelernt hatten, und streckten unsere kleinen Hände hoch. Die Soldaten holten eine Schachtel aus der Brusttasche und gaben uns ein Stück Kaugummi. Da nahmen wir sie an die Hand und begleiteten sie bis zur Toreinfahrt, winkten auf Wiedersehen und gingen zurück.

Ein halbes Jahr später, im Dezember, kamen die gleichen Soldaten wieder bei uns vorbei und wir erkannten sie wieder. Auf unsere Frage: Do you have Shoigum, lachten sie, nahmen das Kaugummi aus ihrem Mund und steckten es in unseren Mund. Das machte uns aber gar nichts, sondern wir kauten fröhlich, nahmen sie wieder an die Hand und folgten ihnen bis zur Toreinfahrt und gingen dann zurück.

Auf dem Rückweg kamen die Soldaten wieder bei uns vorbei, blieben stehen und fragten, ob wir ihnen nach Altona folgen könnten. Das durften wir eigentlich gar nicht, aber zu Soldaten hatten wir Vertrauen und taten es doch, und als wir unten in der Bahrenfelder Straße eben vor der Ecke Ottenser Hauptsstrasse waren, blieben sie vor einem ganz kleinen Geschäft stehen und zeigten in ein etwas erhöhtes Schaufenster auf eine hölzerne Minieisenbahn und fragten, ob wir solch eine haben möchten und wir, wir nickten nur scheu. Da liefen die jungen Männer rein ins Geschäft und kaufte uns jedem eine Eisenbahn und als sie rauskamen sagten sie Merry Christmas und sahen sehr glücklich aus. Wir gaben allen die Hand, machten einen großen Diener und sagten Thank you und winkten ihnen nach, als sie zurück zu ihrer Kaserne gingen, und liefen dann überglücklich nach Hause.



Eine gute Erfahrung

Rüdiger und ich spielten gerade mal wieder auf der Straße und schrieben Autonummern auf einen Block, als ein flottes Auto vorbeifuhr. In der Straße war vom Krieg her noch eine Bodenwelle und als das Auto darüber fuhr, öffnete sich der Kofferraum und eine dicke, lederne Geschäftstasche fiel aus dem Gepäckraum, ohne dass der Fahrer es merkte. Wir liefen hin, guckten uns die Tasche an und beschlossen, sie sofort zur Polizei zu bringen. Wir wollten es ja allein machen, aber meine großen Brüder und die anderen großen Jungs, die grade in der Nähe Fußball spielten, hatten gemerkt, dass wir etwas wegschleppten und sprangen neugierig hinter uns her. Als sie die Tasche sahen, an der wir rumschleppten, haben sie die uns sofort weg genommen und dann sind wir alle zusammen zur Polizeiwache in der Nähe vom Spritzenplatz gegangen und haben die Tasche dort abgegeben. Wir durften nicht mal mit rein in die Wache. Ein paar Tage später kriegten wir Zwanzig Mark Finderlohn. Da lohnt es sich ehrlich zu sein.


Eine schlechte Erfahrung

Einmal habe ich geklaut und wurde geschnappt und das war mir auch eine Lehre. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite hatte eine Familie angefangen Geschäfte mit Süßigkeiten zu machen und deren Tempo Matador Lastwagen stand jeden Tag zur Mittagszeit mit runtergezogenen Planen auf der Straße. Die großen Jungs, meine Brüder gehörten auch dazu, schielten oftmals neugierig durch die Ritzen auf die Ladefläche und sahen die offenen Kartons mit Süßigkeiten wie Kaugummi und Lakritzen griffbereit auf der Ladefläche stehen. Wer konnte dem schon widerstehen? Einmal reingrapschen und dann hatte man eine Handvoll. Das ging viele Male gut. Doch der Besitzer hatte wohl von seinen Kunden Beschwerden erhalten, dass die Mengen nicht stimmten und sich auf die Lauer gelegt. Er stellte sein Auto wie immer vor seinen Eingang und wartete in der Wohnung hinter der Gardine. Die großen Jungs waren ja clever und hatten gemerkt, dass etwas nicht stimmte und sich ferngehalten. Aber ich, der Kleinste, hatte das ja nicht begriffen und genau das gemacht, was ich nicht hätte machen sollen, nämlich reingegriffen und Kaugummi geklaut. Fünf Minuten später waren meine Eltern unterrichtet und dann gab es vom Vater ein Arschvoll, was sich gewaschen hatte. Außerdem musste ich dann noch rübergehen und mich entschuldigen. Welch eine Blamage.


Lotte war mein Spitzname

Wenn man allein auf der Straße war, war es ja so langweilig. Wenn wir zu zweit waren, spielten wir manchmal das Pferdespiel. Einer war Pferd und der andere Kutscher. Von Mutter holte man sich eine lange Schnur. Die Enden band man dem Pferd an die Handgelenke und wenn das Pferd laufen sollte, schnalzte der Kutscher und schlug mit dem Zügel und dann lief das Pferd über Stock und Stein und der Kutscher musste hinterdrein und alles mitmachen. Mit den verschiedenen Schnalzlauten und den Zügelmanövern machte das Pferd alle möglichen Kunststücke.
Einmal, an einem sonnigen Nachmittag, als viele unserer großen Brüder mit auf der kleinen Mauer vorm Haus saßen und ich gerade mal wieder Pferd spielte, kam Hans Uwe Rutkowski, der weiter unten in der Straße wohnte, bei uns vorbei. Er blieb stehen und sprach mit Hartmut und nebenbei fragte er mich, was ich denn spiele und da sagte ich: ich spiele Pferd, und da sagte er: Dann muss du ja Lotte heißen, denn alle Pferde heißen Lotte. Da schrien alle auf der Mauer: Ja, und riefen: Uwe Lotte Schuster, Uwe Lotte Schuster – und so erhielt ich meinen Spitznamen.
Man hätte glauben können, alle Mädchen hießen Lotte, denn wenn einer Lotte nach mir schrie, drehten sich alle Mädchen in der Nähe um. Eine Zeitlang fand ich es richtig peinlich, aber dann gewöhnte ich mich.
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