Eine Kindheit der härteren Art

„Bordsteinkönig. Meine wilde Jugend auf St. Pauli“ ist die Autobiographie von Michel Ruge, der auf dem Kiez der 70er und 80er Jahre groß wurde. (Foto: pr)

Michel Ruge schildert in „Bordsteinkönig“ seine Kinder- und Jugendzeit im St. Pauli der 70er und 80er Jahre.

Ein Foto: Ein hübscher, blonder Junge, vielleicht acht Jahre alt, in kurzer roter Hose, weißem T-shirt, blauen Ringelsocken, roten Sandalen. Breitbeinig steht er da, die Hände in die Hüften gestützt, schaut mit zusammengekniffenen Augen in die Ferne. Zwischen seinen Lippen hängt, wie selbstverständlich, eine Zigarette. Das ist kein gestelltes Bild auf dem Umschlag von Michel Ruges Autobiographie: „Bordsteinkönig. Meine wilde Jugend auf St. Pauli“. Das ist der Autor selbst als Kind, in der Zeit, über die er in seinem Buch schreibt.
So authentisch wie dieses Bild ist auch das Buch. Es schildert eine Kindheit der härteren Art und schildert sie direkt und unverblümt. Es gibt Sätze darin, die sind wie Faustschläge. Es geht um Gewalt, es geht um Sex und Drogen und um ein Kind, das mittendrin aufwächst. Einerseits so schutzlos, dass es selbst Strategien entwickeln muss, um sich zu schützen. Andererseits so frei, dass seiner Selbstentfaltung nichts im Weg steht.
Wer ist Michel Ruge (44) heute? Schauspieler, Schriftsteller, Künstler, Coach, Kampfsportler, Unternehmer, Personenschützer. Ehemann, Vater, Stiefvater. Vor allem: ein Mann, der sein Leben gefunden zu haben scheint. Unaufgeregt selbstsicher.
Wie geht das? Wie hat er heil aus einer Umgebung herausgefunden, die viele seiner Jugendfreunde mit Drogen und Alkohol umgebracht hat? Michel Ruge: „Es gibt drei Karrieren für Leute, die aus St. Pauli kommen. Die erste: Man gerät auf die schiefe Bahn. Die zweite: Man wird irgendwo Hilfsarbeiter. Oder: Man wird Künstler.“
Ruge wurde Künstler, Schauspieler. Aber gerettet hat ihn damals der Sport: „Sport war mein Rettungsanker: Nicht trinken, Selbstdisziplin, Fitness. Meine Helden waren die Helden aus den Kung-Fu-Filmen mit ihrer Ethik. Die arbeiteten hart an sich und standen für die Schwachen ein.“
Und obwohl die Maxime hieß: Pädagogen lässt man nicht an sich ran! waren es immer wieder einzelne Lehrer, die sein Potenzial erkannten. „Die haben fest an mich geglaubt und mein Selbstbewusstsein gestärkt“, erzählt Ruge, der auf die Bruno-Tesch-Schule in Altona-Altstadt ging.
Heute hat er seinen Lebensmittelpunkt in Berlin und in Blankenese. Dort beobachtet er andere Gefahren, denen Kinder ausgeliefert sind: „Diese überbehüteten Kinder, die 400 Meter im Auto zur Schule gefahren werden, die haben doch keine Luft mehr vor lauter Input, dürfen nie Scheiß bauen. Man muss Kinder zeitweise auch treiben lassen - erst dann finden Menschen ihre Visionen.“
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