„Ein Wohnhaus ist kein Abrisshaus!“

Konfrontation zwischen Polizei und Sympathisanten während einer Demonstration zum 1. Mai 1989 vor den Hafenstraßenhäusern. Fotos: St. Pauli-Archiv
 

Vor 30 Jahren begann der Konflikt um die Hafenstraße.

von Reinhard Schwarz

In der St. Pauli Hafenstraße gibt es ein eigenes Klingelschild für einen Bewohner namens „Che“, eine inoffizielle Hausnummer „129a“, die an den gleich lautenden Paragrafen aus dem Strafgesetzbuch („Bildung terroristischer Vereinigungen“) erinnert und eine „Volxküche“, die sich als „staatlich anerkannter Unruheherd“ bezeichnet.
Die revolutionäre Rhetorik ist das Einzige, das an die Zeiten erinnert, als die Bewohner Barrikaden aus brennenden Autoreifen und Pflastersteinen am Hafenrand bauten, um die Räumpanzer der Polizei aufzuhalten. In letzter Minute kam es zu einer Einigung mit Hamburgs damaligen Bürgermeister Klaus von Dohnanyi, der für eine friedliche Lösung sein Amt aufs Spiel setzte. 1988 trat Dohnanyi hauptsächlich wegen der Hafenstraße zurück, doch die Häuser sind immer noch da. 2006 hatten die Bewohner das 25-jährige Jubiläum der Besetzung noch gefeiert, am 30. Geburtstag haben sie darauf verzichtet.
Dass da etwas heraufzieht, bekommt man am Hafen zum ers-ten Mal im Frühjahr 1982 mit. Bewohner hängen ein Transparent an die Fassade: „Besetzt – Ein Wohnhaus ist kein Abrisshaus“. 60 Leute sind in den Monaten zuvor nach und nach in die um 1900 gebauten Häuser eingezogen. Die Saga, die die Häuser verwaltet und vor sich hingammeln lässt, weiß Bescheid. „Die wussten das. Der Hausmeister hat uns noch Tipps gegeben: ,Ihr müsst auch ein bisschen aufpassen: Die Polizei fährt hier immer noch rum. Dass ihr abends immer schön das Licht ausmacht!’“, so Bewohner Claus Petersen (64) auf Deutschlandradio Kultur.
Der Abriss ist schon damals längst beschlossen, die Häuser liegen auf einem Filetgrundstück mit Elbblick. Als die Bewohner gegen den Abriss kämpfen, will der rechte Flügel der SPD die Häuser so schnell wie möglich räumen lassen.
Die Stadt ist gespalten. Für die meisten Hamburger sind es „Chaoten“, die dort ihren Privatkrieg gegen die Polizei und den SPD-Senat führen. Für andere sind sie eine Art moderne Robin Hoods, die gegen Abriss, Wohnungsnot und für ein selbstbestimmtes Leben kämpfen. Wer gegenüber Kollegen oder Nachbarn Verständnis für die Hafenstraße aufbringt, ja, sich gar mit ihr solidarisiert, muss einiges aushalten.
So geht es auch Pastor Christian Arndt, der später in einem Interview sagt: „Man galt als Sympathisant von Gewalt und Terrorismus.“ Arndt, Pastor in der St. Pauli-Kirche, hatte versucht, im Konflikt zu vermitteln.
Er blieb nicht der einzige Unterstützer. So bahnte sich zwischen den Besetzern und dem FC St. Pauli eine langjährige Freundschaft an. Davon zeugt die Totenkopf-Fahne, die vom Hafenstraßenbewohner Doc Mabuse ins Stadion gebracht wird und mittlerweile auf Tausenden von Merchandising-Artikeln prangt. Volker Ippig (49), in den 80er Jahren Torwart des Kiezklubs, besucht die „Chaoten“ häufig. Einmal schleppt Ippig den Vereinskollegen Bernhard Olck mit in die Kneipe „Onkel Otto“. „Da haben wir im ‚Otto’ ein Bier getrunken“, erinnert sich Ippig später im Fußballmagazin „Rund“: „Er war ganz erstaunt, dass das auch Menschen sind, die da ein Bier trinken.“ http://www.rund-magazin.de/news/725/79/Themenwoche...
Mittlerweile ist es ruhig geworden in der Hafenstraße. Viele der Aktiven zogen nach dem Vertragsschluss mit dem Senat erstmal aus. Erschöpft von dem jahrelangen Druck suchten viele Ruhe auf dem Land. Mittlerweile leben in den ehemals besetzten Häusern Wohngemeinschaften, Paare und Singles – und auch viele Kinder. Im Plenum, der Vollversammlung aller Bewohner, werden Streitigkeiten ausgetragen und beigelegt. Politik findet immer noch statt. Das belegen die rebellischen Parolen an den Häusern. Viele engagieren sich weiter. Doch das Leben am Hafenrand ist ruhiger geworden.
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