Ein Theater nur für Kinder

Sonja Adam verkörperte die Cleopatra in der Händel-Oper „Cäsar und Cleopatra“, die noch bis Anfang des Jahres erfolgreich im Alleetheater aufgeführt wurde Foto: joachim flügel
 
Barbara und Uwe Deeken führen das Alleetheater bereits seit über 50 Jahren. Foto: ALLEE THEATER

Seit 1968 ist Uwe Deeken (74) das Herz des Allee Theaters - hier werden auch Opern aufgeführt

Von Jens Beeskow.
Der Mann ist wirklich schwer zu erreichen: Uwe Deeken. Wenn man ihn dann mal erwischt, dann sprudelt es förmlich aus ihm heraus – die Begeisterung, mit der er seit über 50 Jahren das Haus führt, die vielen Geschichten, die in dieser Zeit passiert sind und die das Allee-Theater zu dem gemacht haben, was es heute ist. Leicht zu verstehen, warum der heute 74-Jährige als rastloser Macher oder als „Daniel Düsentrieb der Hamburger Theaterwelt“ beschrieben wird. Deeken ist seit 1968 der Direktor des ersten privaten Kindertheaters in Deutschland. Seit 1996 ist auch die Hamburger Kammeroper in dem Gebäude an der Max-Brauer-Allee beherbergt.
Die Idee, Theaterstoffe speziell für Kinder aufzubereiten und aufzuführen, hatte sich schon früh bei mir festgesetzt.“ Doch bei der Umsetzung half ihm Gevatter Zufall. An gleicher Stelle wurde seit 1948 ein Vorstadtkino namens Alleelichtspiele geführt. Als Uwe Deeken eines Tages seinen VW Cabrio dort vorbei fuhr, war das Haus geschlossen worden. Ein Blick hinter die Kulissen brachte eine kleine Bühne zum Vorschein, auf der in den Nachkriegsjahren selbst Theatergrößen wie Grethe Weiser gespielt hatten.

„Aus der
Asche geboren“

Und so beschloss er, spontan seinen Beruf als Kameramann aufzugeben und die ursprüngliche Geschichte des Hauses mit seiner eigenen Idee fortzuführen. Mit etwas Erspartem, einem Darlehen seiner Mutter, die seinerzeit einen kleinen Lottogewinn getätigt hatte, und mit der Unterstützung von zahlreichen hilfsbereiten Menschen, die Deeken von seiner Idee überzeugen konnte, baute er das Theater für Kinder auf und führte 1968 als erstes Stück „Pippi Langstrumpf“ auf. „Ein absoluter Erfolg“, erinnert er sich. „Die Leute standen bis auf die Straße nach Eintrittskarten an.“
In den 80er Jahren fingen Barbara und Uwe Deeken damit an, klassische Opern für Kinder aufzuführen. „Die Zauberflöte war unsere erste Oper für Kinder, das war damals ein absolutes Novum. Und daraus ist dann im Laufe der Jahre erst die Kammeroper entstanden.“ Doch auch da musste erst etwas Außergewöhnliches passieren, um dem neuen Projekt zum Start zu verhelfen. „Wir hatten in Marschacht eine 300 Jahre alte Scheune, die wir als Lager nutzten. Dort schlug 1992 ein Kugelblitz ein, der auf einen Schlag alles vernichtet hat“, erinnert sich Deeken. „Wir haben dann das Grundstück verkauft und mit dem Geld von der Versicherung die Kammeroper quasi aus der Asche geboren. Eigentlich eine tragische Geschichte, aber ohne die hätte es die Kammeroper nie gegeben.“
Seit nunmehr fast 50 Jahren besteht das mittelgroße Haus in einer großen Stadt wie Hamburg, die seinen Besuchern heute über 40 verschiedene Theater bietet. Nicht leicht, sich da abzugrenzen? „Doch! Denn wir tun Dinge, die andere nicht tun!“, so Uwe Deeken. „Wir sind die einzige private Kammeroper in Deutschland, die im Stagione-System auch selten gespielte Opern zeigt. Das Konzept, ausschließlich in deutscher Sprache aufzuführen, ist einzigartig in Hamburg. Kürzlich haben wir selbst die Oper ‚Verdi und die Damen mit Noten’ in Auftrag gegeben. Die lief zwar nur kurz, aber sehr erfolgreich.“
Alle Werke, die im Alleetheater aufgeführt werden, hat Deekens Ehefrau dramaturgisch bearbeitet und ins Deutsche übersetzt. Barbara Deeken ist seit 1977 an der Seite des Theater-Enthusiasten, hat als Schauspielerin im Theater gearbeitet, entwirft Kostüme für das Haus und ist heute mitverantwortlich für alles, was auf der Bühne des Alleetheaters stattfindet.
Für das erfolgreiche Konzept wurden die Macher vom Alleetheater auch schon mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. „Wir machen das so, weil wir auch neue, junge Besucher an das Genre der Oper heranführen wollen“, begründet Uwe Deeken das Konzept. „Man muss sich nicht vorher einlesen, sondern kann die Handlung leichter aufnehmen.“ Deshalb engagiert das Alleetheater auch nur Sänger, die der deutschen Sprache mächtig sind. Ebenfalls anders: Lange, für die großen Opern typische Rezitative werden bei den Deekens zu kurzweiligen Dialogen.

Hohe Qualität
als Grundlage

Ein echter Hingucker sind die vergoldeten und mit rotem Samt bezogenen Stühle im 200 Gäste fassenden Saal. Wieder so eine Geschichte: „Wir versuchen immer, das Ambiente im ganzen Saal dem Stück auf der Bühne anzupassen“, erklärt Uwe Deeken. „Damals wollten wir für E.T.A. Hoffmanns Stück ‚Prinzessin Brambilla’ einen Palastsaal entstehen lassen und haben die Stühle gesammelt und so hergerichtet. Das ist dann so geblieben und jetzt ein tolles Markenzeichen.“ Viel Aufwand wird im Alleetheater von jeher betrieben. „Wir haben für unsere Aufführungen immer eine doppelte Besetzung. Das ist natürlich ein großer Aufwand, aber es funktioniert.“ Der Theaterchef ist spürbar stolz auf die hohe Qualität, die sein Haus bietet. „Das muss uns erstmal einer nachmachen. Aber wissen Sie, das ist auch die Grundlage für so ein kleines Haus. Wir müssen ja viel besser sein als ein großes Theater, um die Leute nachhaltig zu überzeugen.“ Dabei profitiert man zum Beispiel von der herausragenden Bühnenbildnerin Kathrin Kegler, die bei Deekens begonnen hat, danach an international renommierten Häusern arbeitete und vor wenigen Jahren nach Hamburg zurückgekehrt ist.
Das Theater ist für Uwe und Barbara Deeken weit mehr als ein Beruf. „Es ist auch unser Hobby. Wir spielen nicht Golf, wie gehen nicht Segeln. Wir sind auch nach über 50 Jahren noch mit Herzblut dabei.“ Lediglich ein Bauernhaus in Italien hat sich die Familie als Rückzugsort zugelegt. Als Ruine gekauft liegt es heute mit kleinem Weinberg auf einem Hügel in der Nähe von Pescara mit Blick auf das Meer in der einen und auf die Apenninen in der anderen Richtung. Kürzlich erst war man zur Weinlese dort – wie jeden Herbst. Aber jetzt sind die Deekens wieder zurück – es gibt ja auch viel zu tun!
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