Ein Obdachloser erzählt: "Weihnachten treff ich die Familie"

Will an Weihnachten soziale Kontakte pflegen: Pik-As-Bewohner Torsten Pingel (46).

Ein Blick ins Obdachlosenasyl "Pik As".

Von Christopher von Savigny.
Wer alleine lebt, der fühlt sich an Weihnachten oft noch einsamer als sonst. Nicht so Torsten Pingel (46). Das überrascht: Pingel wohnt nämlich im Obdachlosenasyl „Pik As“ in der Neustädter Straße. „Weihnachten ist die beste Zeit, um sich mit Freunden und Familie zu treffen“, sagt er
Torsten Pingel hat sich ein richtiges Programm zurechtgelegt: Am 24. besucht er die Tagesaufenthaltsstätte des Diakonischen Werks in Eimsbüttel. „Es gibt ein Weihnachtsmenü mit Schweinebraten oder Entenkeulen für 150 Leute – richtig gut“, freut er sich. Abends ist die Familie an der Reihe. Am 25. trifft er sich mit der „Ex“ und dem gemeinsamen Sohn, Kirchgang inklusive. Pingel macht Ferien – im Grunde sogar zwei Wochen lang: An Silvester geht die Besuchstour weiter – und wenige Tage später hat der Mittvierziger schon wieder Geburtstag. „Die Zeit werde ich auch nutzen, um mir im Kopf über einige Dinge klar zu werden“, sagt er.
Pingel ist ein klassischer Fall: Vor rund zehn Jahren arbeitete er noch als Journalist und PR-Mitarbeiter, als seine Firma von einem Tag auf den anderen pleite ging. Gleichzeitig wurde ihm die Wohnung wegen eines ungenehmigten Untermietvertrags gekündigt. „Das ist, als wenn eine Mauer über dir zusammenbricht“, sagt Pingel. Zeitweise wohnte er wieder bei den Eltern, bekam aber Krach mit seinem Vater. Inzwischen lebt er in einem Vier-Bett-Zimmer im „Pik As“. Fürs neue Jahr hat sich Pingel Ziele gesetzt: „Ein eigenes Zuhause wäre schön“, sagt er. Bei der Saga kann man sich auf eine Liste setzen lassen – die Aussichten sind allerdings mager. Irgendwann will er mal wieder in die USA fliegen, wie früher. „Ein Traum“, sagt Pingel.
Normalerweise veranstaltet auch das „Pik As“ eine Weih-nachtsfeier für seine Bewohner. Dieses Jahr fällt sie aus organisatorischen Gründen aus – die Mitarbeiter sind schlichtweg überlastet. Wir haben 210 Sollplätze, aber 300 Anfragen pro Abend“, sagt der stellvertretende Leiter Tobias Barta. Rund die Hälfte der Pik-As-Gäste sind Dauerbewohner wie Torsten Pingel.
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.