Ein Fall von Unterschmusung

Die Elbe nur und der Hafen noch dazu.
Ob diese Geschichte wahr ist, weiß ich nicht. Die Menschen erzählen sich ja so viel, von früh bis spät nimmt es kein Ende damit.

Jedenfalls heißt es, kürzlich sei einer in die Altonaer Klinik eingeliefert worden, mit Blaulicht und allem was dazu gehört. „Schnell, schnell, höchste Alarmstufe!“, schrien die Sanitäter, als sie dieses Wägelchen mit ihm darauf in die Notaufnahme schoben. Dort atmete er kaum noch, ganz blass war sein Gesicht, vorsorglich schoben sie ihm eine Kanüle in den Arm. „Was soll ich denn da rein tun?“, fragte ein Pfleger. „Ach irgendwas, zur Stabilisierung des Kreislaufes vielleicht“, sagte die Ärztin, die in diesem Op-Grün herumhüpfte.
Sie schob ihm die Augenlider hoch und meinte: „Das ist ein klassischer Fall von Unterschmusung. Der Mann braucht dringend eine Schmusung!“
Fragend schaute sie sich um, wer sich dazu bereit erklärte.
Da waren zwei Pfleger, eine Assistenzärztin, nee, die wollten nicht schmusen. Mit dem da schon mal gar nicht.
Zwar sind die Zimmer dort fast schalldicht isoliert, aber im Flur schrubbte eine Putzfrau drauflos, das war deutlich zu hören. „Hol sie herein!“, befahl die Ärztin einem ihrer Jünger.
Der tat wie ihm befohlen wurde, ängstlich und verwirrt stand die Frau im Operationszimmer und dachte sich: "Was ist denn jetzt?"

Die Ärztin reichte ihr die Hand und fragte „Na, wie geht’s alleweil?“, um nicht zu ungestüm mit ihrem Wunsch herüber zu kommen. „Gutt gutt“, sagte sie.
Eine schwarze Frau aus Nigeria.
„Es handelt sich um einen Notfall. Würden sie bitte mit ihm schmusen, mindestens eine Stunde lang?“
„Ich nichts Ficki Ficki“
„Ach, wer sagt denn sowas? Halten sie ihn im Arm, drücken sie ihn ein bisschen, das reicht schon.“
Die Putzfrau machte sich zaghaft an unseren Patienten heran, hob ihn aus seinem Krankenbett hervor und drückte ihn ein bisschen. „So?“, fragte sie in Richtung der Ärztin.
Die Gepflogenheiten in deutschen Landen waren ihr sichtlich neu, sie strich ihm ein bisschen über den Kopf, das ist ja niemals verkehrt.
„Ja, nicht schlecht“, meinte die Ärztin, „Das machen sie gut!“
„Ich aber nichts Ficki Ficki“, meinte die Afrikanerin.
„Sieht der denn danach aus? Halten sie ihn ein bisschen, vielleicht singen sie ihm ein Lied und dann wird schon alles gut werden.“

Ja, wie gesagt, das erzählt man sich auf den Straßen von Altona. Ein Fall von Unterschmusung. Das kommt vor.
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