Diese Waage lügt!

Als Ikea noch heil war, am 26.06.2017: Menschen auf Bänken im Sonnenschein.
Herr K., ein Stromer der allerersten Güte, ist niemals um eine Geschichte verlegen. Begegnet man ihm auf der Großen Bergstraße, gegenüber von Ikea auf einer dieser Bänke, wo er auf Opfer lauert, denen er seine hanebüchenen Stories unter die Nase reiben kann, dann macht er zunächst einen ganz ordentlichen Eindruck. Woher soll einer wissen, dass, wenn er den Mund aufmacht, nur Geschwätz herauskommt? Nimmt man aber nichts für bare Münze, dann .. ja dann, kann er für unterhaltsame Minuten sorgen. Als er mich sah, sprang er jubelnd von seinem Bänkchen auf und hüpfte in kleinen Hasensprüngen auf mich zu. Hoppel hoppel hoppel ... Grüß Dich, Ei Gute wie, Händegeschüttel ... ehe er mich beiseite zog und mir "ganz im Vertrauen" erzählte, dass er früh am Morgen nur knapp einem Meuchelangriff entgangen sei.
Ja nu, solche Dinge passieren, plötzlich tauchen Leute auf, die einen meucheln wollen.
"Wie denn das?", fragte ich ihn. "Auf der Hospitalstraße flog mir eine Waage entgegen. Ganz von hoch oben, mit einem kühnen Sprung konnte ich mich retten!"
"Huh" - "Sie zersplitterte auf dem Gehweg, in tausend Teile ist sie zersprungen!"
Nach dieser Mitteilung machte er sich breit, steckte seine Daumen vorne in die Jeans, tat ein bisschen wichtig, einen Anschlag überlebt zu haben und meinte: "Was sagste nu?" Ja nu, was soll ich meinen? Aber er fuhr fort in seiner Erzählung und klärte mich bis ins Detail auf. "Drei Stockwerke höher schrie eine Frauenstimme, das Fenster stand noch offen: 'Diese Waage lügt! Das ist eine verkommene Waage, ein Luder!'" Puuh, was man auf den Straßen so alles zu hören bekommt, ganz so wild kann doch alles nicht sein. Geht es nicht ein bisschen friedlicher? "Ein Miststück, aarrgh", machte Herr K. die Frauenstimme nach und fiepte ein wenig, aber doch laut genug, dass sich die Leute nach uns umsahen.

Wenn mal wieder jemand unzufrieden mit seinem Gewicht ist, ob Weiblein oder Männchen, dann schleudert die Waagen bitte nicht zum Fenster hinaus. Soviel Anstand muss sein, unter diesem breiten und schönen Himmel, der für jeden Mensch sein Obdach hat.

[Geschrieben vor der Schanzennacht, als Sketch gedacht.]
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