Der Kapitän des FC Bundestag

Die Technik stimmt. Marcus Weinberg ist „Rechtsfuss“. Foto: eventpress FC BUNDESTAG
 
Fußball-Könner unter sich: Trainer Christoph Daum (l.), Marcus Weinberg, Reporterlegende Werner Hansch mit Mikro und Eberhard Gienger (r.) Foto: PR

Altonas CDU-Bundestagsabgeordneter Marcus Weinberg, seit 40
Jahren Mitglied des FC St. Pauli, gibt auf dem Fußballplatz die Nummer 6, den Ballverteiler

Von Christel Köslin.

Der Treffpunkt ist wohl gewählt, das in Beton gegossene Emblem des FC St. Pauli vor dem Millerntor-Stadion. Auf dem Weg dahin lacht er einem schon entgegen, groß in schwarz-weiß, auf Plakaten der Hamburger CDU im Stadtgebiet: Marcus Weinberg, der im zehnten Jahr die Bürger von Altona im Bundestag vertritt und dessen Fußballer-Herz seit 40 Jahren im aufregenden Takt des FC St. Pauli schlägt. Er ist mit dem Motorroller gekommen, und was seine Liebe zu St. Pauli betrifft, da kann er sich mit einem kleinen, vergilbtem Papier ausweisen: „Jugendabteilung“, steht da fett gedruckt. „Marcus Weinberg - geboren 4. 6. 1967 – Mitgliedsnummer 4113 – Eintritt 1. 3. 1975“. Zehn Jahre war er in dem Kultverein aktiv, Dauerkartenbesitzer ist er noch immer.
Seine Liebe zum Fußball ist sozusagen amtlich und die hat ihm am Regierungssitz in Berlin zu einem ganz besonderen Ehrenamt verholfen. Marcus Weinberg ist der Kapitän des FC Bundestag, also der erste Mann der kickenden Volksvertreter. „Es gibt zwar auch die Sportgemeinschaft Deutscher Bundestag, die für ihre rund 700 Mitglieder 19 verschiedene Sportarten anbietet“, erzählt Marcus Weinberg beim Spaziergang am Millerntor, „aber da sind doch mehr Mitarbeiter des Bundestages aktiv. Eine feste Gemeinschaft fast ausschließlich von Abgeordneten, da sind wir Fußballer wohl einmalig.“
Und das seit vielen Jahrzehnten. Bereits 1967 wurde die Fußballmannschaft des Bundestages offiziell gegründet. Joschka Fischer ist hier hinter Ball und Gegner hergerannt, Rudolf Scharping, Oskar Lafontaine und Peter Ramsauer. Helmut Kohl hatte sich angemeldet, aber ist nie mit aufgelaufen. Aber beim Rückblick auf fast 50 Jahre einer eingespielten Gemeinschaft auch von politischen Gegnern, muss man einen Namen am lautesten rufen: Dirk Fischer, bereits seit 1980 für den Hamburger Norden und die CDU im Bundestag und seit acht Jahren auch Präsident des Hamburger Fußball-Verbandes (HFV). Der rennt und kämpft schon so lange für den FC Bundestag, dass er seine Position noch immer als „Libero“ beschreibt. „Dabei habe ich als Nummer 10 begonnen“, erzählt der Mann, der zu den fünf „Dinos“ im Bundestag zählt. „Aber unser damaliger Trainer Wolfgang Overath hat gesagt: Sorge du dafür, dass wir nicht so viele Tore kassieren.“ Insgesamt 507 Mal hat Dirk Fischer für den FC Bundestag gekämpft. „Ein Rekord für die Ewigkeit“, sagt Marcus Weinberg.
In den Sommermonaten bestreiten die spielfreudigen Parlamentarier dienstags meist ein Benfizspiel, gegen Teams aus der Wirtschaft, aus Verbänden und Verwaltung. Jährlich auch ein Turnier über vier Tage, bei dem bis zu 10.000 Euro für einen sozialen Zweck zusammen kommen. Als sie von den Saaldienerinnen des Bundestages herausgefordert wurden, wäre Marcus Weinberg gerne mit gemischten Mannschaften aufgelaufen. Die Saaldienerinnen aber verzichteten auf männliche Unterstützung. „Uns ist es bisher auch nicht gelungen, Frauen aus den Fraktionen für unser Fußball-Team zu begeistern“, muss der Teamchef aus Altona eingestehen. „Dabei ist Fußball doch der perfekte Integrations-Sport. Denn unsere Gemeinschaft ist über Jahrzehnte und mehrere Politiker-Generationen hinweg so erfolgreich, weil es keine Partei- und Fraktionsordnung gibt. Wir halten uns auch an eine eiserne Regel – über Politik wird nicht gesprochen. Die Kabine ist uns hoch und heilig, da gilt höchste Vertraulichkeit.“
Was der fest eingeplante Fußball-Abend für die insgesamt 44 Parlamentarier bedeutet, hier als Beispiel einmal ein typischer Dienstag für Marcus Weinberg, der familienpolitischer Sprecher der Union ist.
8.45 Uhr: Koordinationsrunde mit Familienministerin Manuela Schleswig.
10 Uhr: Arbeitsgruppe Familienpolitik der Union.
12.45 Uhr: Die Kauder-Runde bei Fraktionschef Volker Kauder.
14 Uhr: Treffen der Arbeitnehmergruppe der CDU.
14.15 Uhr: Treffen der fünf Hamburger CDU-Abgeordneten bei Dirk Fischer.
15 Uhr: Die große Fraktionssitzung.
„Die kann lange dauern und dann sitze ich da und schaue auf die Uhr und bange, dass ich nicht rechtzeitig zum Fußball komme“, bekennt Marcus Weinberg, „darauf freut man sich doch besonders.“
Auch wenn die Volksvertreter beim Fußball der Politik die rote Karte zeigen, so betont der Mannschaftsführer doch: „Man lernt Kollegen von anderen Fraktionen einmal von einer anderen Seite kennen. Und der Ton im politischen Gegeneinander verändert sich. Was mich immer wieder besonders fasziniert, dass Spieler auf dem Platz oft genauso agieren wie in der Politik. Da ist beispielsweise Christian von Stetten, der Mittelstandspolitische Sprecher unserer Fraktion. Der spielt voll auf Angriff, immer und sofort. Dirk Fischer agiert abwartend, kalkuliert, wird dann aber zum verbissenen Kämpfer – ein typischer Verteidiger.“ Und er selbst? Marcus Weinberg lacht. „Ich bin die Nummer 6 im Team. Ich verteile die Bälle, sorge auch mal für Ruhe, ähnlich wie in der Politik. Da gleiche ich auch eher aus, moderier lieber.“
Die Fußballer des Bundestages laufen ganz offiziell im Trikot der Nationalmannschaft auf und wenn sie gegen Teams aus anderen Ländern antreten, wird die Nationalhymne gespielt. Jedes Jahr wird auch eine Europameisterschaft entschieden – immer gegen Parlamentarier aus Österreich, der Schweiz und Finnland. In zwei Jahren, wenn ganz Deutschland hofft, dass die Olympischen Sommerspiele für 2024 an die Elbe vergeben werden, ist Hamburg Gastgeber für die kickenden Parlamentarier aus Europa. „Wann genau und wo, steht noch nicht fest“, sagt Marcus Weinberg. Dirk Fischer erinnert daran, dass im deutschen Wendejahr 1989 das Turnier schon einmal in Hamburg ausgetragen wurde. „Uwe Seeler hat den Anstoß gemacht“, sagt der Präsident des Hamburger Fußball-Verbandes. „Und unsere Mannschaft schoss hinterher auf die Torwand im aktuellen Sportstudio. Das war ein tolles Turnier. Das wollen wir wiederholen.“
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.