Das große Hamburger Luftproblem

An Hamburger Hauptstraßen sind Abgase die Hauptquellen von Schadstoffen. Vor allem ältere Dieselfahrzeuge pusten viel Dreck raus. Foto: panthermedia
 
Das Team von Breeze mit Geschäftsführer Robert Heinecke (3.v.l.). Foto: anne gärtner
Hamburg: BIB Bühne im Bürgertreff |

Nabu, Bund und Linke diskutieren Maßnahmen für wirksame Schadstoffsenkung

Von Matthias Greulich. Wer in Altona, Eimsbüttel oder der Neustadt an einer Hauptverkehrsstraße wohnt, atmet besonders schlechte Luft ein. Dort herrscht eine hohe Schadstoffbelastung mit Stickstoffoxiden, die zu Asthma, chronischem Husten, Bronchitis, Entzündungen oder gar zu Lungenkrebs führen kann.

In seinem „Luftreinhalteplan für Hamburg“  will der Senat deshalb in der Max-Brauer-Allee sowohl Diesel-Pkw als auch -Lkw zwischen Gerichtstraße und Holstenstraße aussperren, die nicht die Abgasnorm Euro 6 erfüllen. In der Stresemannstraße gilt dies zwischen Kaltenkircher Platz und Neuer Pferdemarkt, aber nur für Lkw.

Für Norbert Hackbusch, Bürgerschaftsagbeordneter der Linken, sind die „Maßnahmen zur Reduzierung der Abgaswerte kümmerlich“. Er weiß sich in seiner Kritik einig mit den Umweltverbänden Bund und Nabu. Am kommenden Sonnabend, 27. Januar, werden Manfred Braasch (Bund) und Malte Siegert (Nabu) im Bürgerhaus Altona-Nord auf dem Podium mit Hackbusch über mögliche Lösungen des großen Luftproblems informieren und diskutieren. Der Zeitpunkt ist nicht zufällig gewählt: Im Februar wird das Bundesverwaltungsgericht entscheiden, ob die Bundesländer Fahrverbote erlassen dürfen, um die gesetzlich vorgeschriebenen Grenzwerte einzuhalten.

Warum selbst Fahrverbote an der Max-Brauer-Allee und der Holstenstraße nicht für die Einhaltung der Grenzwerte sorgen, liegt am hohen Anteil der Schifffahrt an der Belastung. Vor dem Hintergrund, dass sich die schiffsbedingten Emissionen nach einer Prognose von 2013 bis 2025 um 6,2 Prozent erhöhen, ist „die Lage besonders dramatisch“, so Hackbusch. Der Nabu Hamburg sieht „erschreckend hohe Belastungen für die Elbanwohner sowie inhaltliche Defizite“ im aktuellen Luftreinhalteplan. Während im vorigen Plan von 2012 noch gesundheits- und umweltschädlicher Feinstaub berücksichtigt worden sei, fehlt diese Betrachtung nun.

Die Umweltschützer befürchten außerdem, dass die Grenzwerte in Altona nicht nur an den drei Messstellen Max-Brauer-Allee, Kieler Straße und Stresemannstraße sondern flächendeckend überschritten werden. Sie sind beunruhigt durch Messergebnisse aus Berlin, von denen aber derzeit nicht bekannt ist, ob sie sich auf Hamburg übertragen lassen. In der Hauptstadt wurde von der Nachrichtensendung „RBB 24“im Herbst durch Studierende der TU Berlin an 110 zusätzlichen Standorten mit sogenannten Passivsammlern gemessen. Das Ergebnis: Es gibt zahlreiche Straßen, an denen die Luftverschmutzung weit höher ist als bisher bekannt. Im „Luftreinhalteplan für Hamburg“ arbeitete die Behörde ebenfalls mit Passivsammlern. An der Kieler Straße wurden damit an der Ecke Stresemannstraße höhere Werte als vom Messcontainer gemessen, der nördlich der Oeverseestraße steht. Die Ursache könnte in der unmittelbar angrenzenden Bushaltestelle zu suchen sein, vermutet die Umweltbehörde.
❱❱ Sonnabend, 27. Januar,
14 bis 18 Uhr, Bürgerhaus
Altona-Nord, Gefionstraße 3

Grenzwert
In Hamburg liegen die an Hauptstraßen gemessenen Werte für Luftschadstoffe wie Stickstoffdioxid (NO2) seit Jahren über den zulässigen Grenzwerten. Das Reizgas NO2 schneidet regelmäßig am schlechtesten ab: Zwischen 60 und 73 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft liegt der Jahresmittelwert für NO2 seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 2002 zum Beispiel an der Station Max-Brauer-Allee. Der EU-Grenzwert gibt eine Maximalbelastung von 40 Mikrogramm vor. Nach älteren Berechnungen der Umweltbehörde ist davon auszugehen, dass an nahezu allen Hauptstraßen im innerstädtischen Bereich – also in Altona, Eimsbüttel oder Mitte – der Grenzwert überschritten wird. Auch für 2017 hat der Umweltverband Bund festgestellt, dass die NO2-Konzentrationen an den Hamburger Messstellen weiterhin zu hoch sind.

Sie wollen, dass Anwohner selber Schadstoffe messen

Das Start-up Breeze stellt seine Sensoren in Altona vor

Ein Blick reicht, um zu sehen wie es gerade um die Luft auf der Billerhuder Insel bestellt ist: „Feinstaub gut“ , „Stickstoffdioxid sehr gut“ und „Luftqualität insgesamt befriedigend“, steht dann beispielsweise auf einer Homepage, die diesen und drei weitere Messpunkte in Rothenburgsort anzeigt. Alle 30 Sekunden wird die Seite mit den neuen Messergebnissen aktualisiert. Im Sommer 2017 hat das Start-up „Breeze“ auf Anfrage des Rothenburgsorter Stadtteilbeirats dieses Pilotprojekt ins Leben gerufen. „Jetzt wollen wir eine solche Internetplattform in Altona starten“, sagt Breeze-Geschäftsführer Robert Heinecke (27). Die Linke hat einen entsprechenden Antrag in der Bezirksversammlung gestellt. Auf der Veranstaltung im Bürgertreff Altona-Nord wird das Start-up die Geräte vorstellen.

Wie funktioniert die Luftmessung?
Das Harburger Start-up hat kleine Sensoren entwickelt, die viel kleiner als die üblichen meterhohen Messtationen sind. Die nicht mal zehn Zentimeter hohen Boxen lassen sich unkompliziert vor Kitas, Schulen oder Wohnhäusern anbringen.

Was kostet ein Sensor?

Wer ein Gerät mieten will, zahlt einmalig 1.000 Euro und anschließend 600 Euro pro Jahr für Wartung und Betrieb.

Wie belastbar sind die Messergebnisse?
„Nicht hundertprozentig genau, aber wir messen immer mit hinreichender Genauigkeit“, so Heinecke.

In Stuttgart messen findige Schwaben die Feinstaubbelas-tung im Talkessel mit Geräten, die sie nach dem Baukastenprinzip selber zusammenbauen. Funktioniert das auch in Hamburg?
Eher nicht. Die Ergebnisse jener Geräte lassen sich schwer miteinander vergleichen. Mit ihnen wird nur Feinstaub gemessen und nicht die Belastung durch Ozon, Stickstoffoxid, Ammoniak und Kohlenstoffmonoxid. „Wenn ein Gerät im vierten Stock steht, ändern sich die Werte, wenn ich auf dem Balkon rauche“, erklärt Heinecke. Der Charme einer zentralen Plattform wie in Rothenburgsort, liege laut Heinecke darin, dass die Daten der einzelnen Sensoren gleicher Bauweise untereinander vergleichbbar seien.

Gibt es Probleme mit dem Datenschutz bei der Plattform?

„Nein“, sagt Heinecke. „Es handelt sich nicht um personenbezogene Daten.“ Wenn aktuelle Daten über die Belastung der Luft in unmittelbarer Nachbarschaft verfügbar sind, werde das Auswirkungen auf das Verhalten der Bürger haben, hofft der Gründer von Breeze, zu deutsch „Brise“. Heinecke: „Wir hoffen, dass durch die Internetplattform ein öffentlicher Diskurs in Gang gesetzt wird.“

❱❱ Das Pilotprojekt in Rothenburgsort steht im Netz unter hamburg.projectbreeze.eu
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