„Dann müssen unsere Gäste wieder raus“

Kaffeepause im Treppenhaus: Markus und Tommy sind regelmäßige Gäste der Tagesaufenthaltsstätte MahlZeit in der Billrothstraße. (Foto: pr)

Tageseinrichtungen für Obdachlose kämpfen mit großem Andrang - Schlafstätten bleiben tagüber geschlossen

Eisige Kälte, ein schneidender Wind – wer ist da nicht froh über ein warmes Plätzchen? Die Übernachtungsplätze des Winternotprogrammes für Obdachlose werden aber auch zukünftig nicht tagsüber geöffnet. Auch nicht, wenn 57.000 Menschen das in einer Online-Petition des Obdachlosen-Magazins Hinz & Kunzt wünschen. Das gab Sozialsenatorin Melanie Leonhard bekannt. Stattdessen sollen die Menschen Tagesaufenthaltseinrichtigen nutzen. Einzige Ausnahme: Kranke Obdachlose dürfen auch tagsüber in den Übernachtungsreinrichtungen bleiben.
Doch die Tageseinrichtungen sind auch jetzt schon reichlich voll.  „Obdachlose werden wegen Überfüllung abgewiesen, sogar wenn alle Einrichtungen gleichzeitig geöffnet haben“, sagt Hinz & Kunzt-Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer.
„Wir müssen schonmal improvisieren“, sagt Achim Janowski, Leiter der Tagesstätte der Heilsarmee in der Talstraße. „Dann gibts irgendwo noch einen Hocker und wir schmieren ein paar Brote nach, damit alle satt werden.“ Abweisen würde man dort niemanden.
400 Essen geben die Helfer der Aufenthaltsstätte MahlZeit im Schnitt täglich an Bedürfteige aus - bis 14.30 Uhr, „dann müssen unsere Gäste wieder ‘raus“, erklärt Leiterin Marion Sachs, „Bei dieser Kälte ist das schon hart.“ Abweisen musste sie noch niemanden. „Das wäre grausam!“

Das größte Problem ist die aufwändige Reinigung
Doch die Senatorin bleibt hart: Die Obdachlosen müssten ‘raus, weil die Ünterkünfte täglich aufwändig gereinigt werden müssten, so die Begründung. Da hat Maren Sachs eine Anregung aus der Praxis parat: „Unsere Gäste helfen beim Saubermachen.“ Auch Stephan Nagel vom Diakonischen Werk kann das nicht gelten lassen. „Das Beispiel Flüchtlingsunterkünfte zeigt: Es ist machbar, dass die Menschen auch tagsüber bleiben.“
Die Tagesstätte in der Bundesstraße hat auf Wunsch der Sozialbehörde jetzt auch sonntags geöffnet. „Es war sehr gut gefüllt“, sagt Leiter Uwe Martini. Abweisen musste man aber auch hier niemanden. Martini: „Vor allem das ‘Herz As’ in der Norderstraße ist voll.“
Maren Meyer von der Kemenate, Hamburgs einziger Tagesaufenthaltsstelle für obdachlose Frauen: „Bei uns ist es immer gut gefüllt.“ Bis zu 60 Frauen finden dort tagsüber Unterschlupf. Das Argument der Senatorin, die Obdachlosen sollten sich tagsüber beraten lassen und Behördengänge erledigen, ist für sie nicht stichhaltig. „Niemand braucht dafür fünfmal die Woche acht Stunden.“
Immerhin: Senatorin Leonhard kündigte die Eröffnung einer weiteren Tagesaufenthaltsstätte für Menschen ohne Wohnung in Hammerbrook an. Den Menschen auf den Straßen des Hamburger Westens dürfte das wegen des weiten Weges wenig nützen.

Zahlen und Fakten
Seit 1992 richtet die Stadt Hamburg zum Schutz gegen Erfrieren ein Winternotprogramm für Obdachlose ein. In zwei städtischen und einigen kirchlichen Einrichtungen werden von November 2015 bis März 2016 in diesem Jahr 890 Übernachtungsplätze für wohnungslose Menschen eingerichtet. Grundsätzlich darf diese Plätze nur beanspruchen, wer nicht genug Geld hat, eine andere Übernachtung zu bezahlen. 96,3 Prozent der Plätze sind derzeit (Stand 14. Januar) belegt, d.h. 857 Menschen nutzen die warmen Schlafplätze.
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