Brauner Schal, rote Gesinnung

Christoph Nagel, Chronist des FC St. Pauli. foto: SABRINA ADELINE NAGEL

Der Historiker Christoph Nagel fühlt sich wohl am Millerntor – Porträt

Volker Stahl, St. Pauli
Plötzlich stand er in einem Bus voller „wirklich unangenehmer HSV-Fans“, die Sätze wie „Deutsche, wehrt euch, geht nicht zu St. Pauli!“ skandierten. „Ich hatte zum Glück keinen braunen Schal um und kam da unbehelligt raus; aber hätte es noch Zweifel gegeben, welches mein Hamburger Verein wird – die wären dann weg gewesen“, erinnert sich Christoph Nagel an ein einschneidendes Erlebnis im Jahr 1994.Nagel war damals zum Studium nach Hamburg gekommen und hatte sich schnell in den FC St. Pauli verliebt. „Weil man dort sein Gehirn nicht am Stadioneingang abgeben muss“, blickt der „Rechtsverteidiger mit Spielübersicht, aber ohne Athletik“ zurück. „Mir gefiel das Dicht-dran-Sein, die berühmte Atmosphäre, der Freudentaumel nach Toren auf den Stehplätzen, aber eben auch die Selbstironie, der Humor in vielen Gesängen und Zwischenrufen und die klare Kante gegen Rechts.“ Seine politische Einstellung hat er übrigens von seinen Eltern übernommen: „Sie waren immer für den Underdog und engagierten sich ihr Leben lang in der Friedensbewegung, für Geflüchtete, für Umweltschutz – im Zweifel immer für die Kleinen.“ 

Größtes Projekt: der Aufbau des Vereinsmuseums

Der gebürtige Cuxhavener fühlt sich noch immer wohl am Millerntor, wo er bald Mitstreiter und Freunde fand. Die frühe Liebe zu den Braun-Weißen reifte nicht nur zu einer langen Beziehung, sondern trug auch publizistische Früchte. Von Beruf ist der studierte Historiker (Nebenfächer: Anglistik und Journalis-tik) freier Texter und Autor. Seit 2004 arbeitet er für die Stadionzeitung „Viva St. Pauli“. 2009 veröffentlichte er zusammen mit Michael Pahl das Werk „FC St. Pauli. Das Buch“, die offizielle Chronik zum 100-jährigen Vereinsjubiläum, später die Sammlungen „FC St. Pauli. Alles drin“ und „Kloses Tore“, die ausnahmsweise nichts mit dem FC St. Pauli zu tun haben.
Sein größtes Projekt läuft aber gerade erst an – der Aufbau des 2012 von Fans gegründeten Vereins „1910 – Museum für den FC St. Pauli e.V.“. Im Gegensatz zum Hamburger SV ist der Kiezklub spät dran. Museum und Vereinsarchiv sind noch in Arbeit, doch die ersten Ausstellungen haben bereits stattgefunden. Bis Mitte Dezember war die von Nagel kuratierte Schau „Fußball in Trümmern. Der FC St. Pauli im Dritten Reich“ im Millerntorstadion zu sehen. Dazu haben Nagel und sein Team auf ehrenamtlicher Basis mehr als 200 Exponate zusammengetragen – eine stressige Aufgabe, für jemanden, der als freier Autor sein Geld verdient und zwei Wohnsitze hat – in Hamburg und im niedersächsischen Dorf Lavenstedt. Dort genießt der Vielbeschäftigte „die Ruhe und das Grün, perfekt zum Schreiben“.
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