Ausländerabteilung: Für 300 Sekunden acht Stunden gewartet

Yunus M. hat stundenlang im Rathaus gewartet - das, was er zu erledigen hatte, dauerte nur fünf Minuten.
 
"Blöd, wer nicht wendet", steht auf dem Werbeschild unter der Uhr. Yunus M. konnte nicht "wenden" - er hatte dringend etwas in der Ausländerabteilung zu erledigen.

Ein Ausländer erzählt

Yunus M. (34, Name geändert) hat einen türkischen Pass. Vergangene Woche musste er in die Ausländerabteilung des Bezirksamts Altona. Er erzählt:
„Um 7 Uhr war ich da, um 8 Uhr hat die Abteilung geöffnet. Ich musste erst eine Wartenummer für die Wartenummer bekommen. Dafür schreibt man sich auf eine Liste, dann ruft ein Mensch die Leute von dieser Liste auf, dann kriegt man die richtige Nummer für seine Angelegenheit. Um 9.30 Uhr wurde meine Nummer von der Liste aufgerufen; mein Ticket war Nummer 48. Ich habe danach bis 15 Uhr gewartet; dann kam ich dran.
Mit mir warteten viele Menschen. Auch Leute, die behindert waren, und schwangere Frauen. Auch Kinder, viele weinten; es gab nichts zu tun für sie. Zwei Leute waren mit Betreuern da – die Betreuer ließen sie dann allein, weil sie keine Zeit mehr hatten zu warten.
Ein Deutscher war da, ich glaube ein Rechtsanwalt, der regte sich furchtbar auf; er sagte, solche Zustände in Deutschland, das ist eine Schande. Mir war das sehr peinlich, dass er so über Deutschland sprach, denn ich liebe Deutschland; es ist ein gutes Land.
Ein Mann hat gefragt, wo kann ich mich beschweren? Dem wurde gesagt, er soll nach oben gehen. Er ging nach oben und kam sehr wütend wieder runter. Die Person oben war gar nicht zuständig.
Ein anderer, mit dem ich mich unterhalten habe, hatte Angst, dass er seinen Arbeitsplatz verliert, weil er schon öfters den ganzen Tag hier warten musste.
Als ich dran war, hab ich eine Bemerkung über das Warten gemacht. Da hat der Mitarbeiter gesagt: Wollen Sie sich beschweren? Da hab ich gesagt: Wenn ich mich beschwere, dann bei der Presse. Da hat er gelacht und gesagt: Die war schon hier, hat nichts geändert. Eigentlich bewundere ich ja die Mitarbeiter; die haben Nerven aus Stahl. Mein Anliegen selbst hat - naja - 300 Sekunden gedauert.
Ich hab das Wochenblatt spontan angerufen. Meine Freunde haben abends gesagt: Warum machst du sowas, das könnte doch Konsequenzen haben. Deswegen will ich nicht, dass man mich erkennt.“

Das sagt das Amt: Die Situation wird sich nicht bessern.
Zur Situation an dem Tag, an dem Yunus M. im Bezirksamt war, erklärt Kerstin Godenschwege, Pressesprecherin des Amts, in einerMail an das Wochenblatt: „Von den elf Sachbearbeitern befinden sich drei in der Einarbeitung. Anwesend waren heute (wegen Krankheit) lediglich sechs Kolleginnen und Kollegen, davon eine Teilzeitkraft.
Angesichts der Konsolidierungslasten wird sich die Situation in absehbarer Zeit nicht bessern, im Gegenteil.
Die Kolleginnen und Kollegen der Ausländerabteilung arbeiten äußerst engagiert und unter großem Belastungsdruck. Langfristig kann nur Entlastung geschaffen werden, wenn zusätzliche Haushaltsmittel zur Verfügung gestellt werden.
Die Räumlichkeiten könnten ebenfalls optimaler sein, aber das Mietenbudget des Bezirksamtes lässt leider keine Anmietung anderer Räume zu, um eine angenehmere Wartesituation zu schaffen.“
Das Wochenblatt übersetzt: In der Ausländerabteilung bleibt alles so wie es ist. Es gibt nämlich weder jetzt noch in absehbarer Zukunft Geld für mehr Mitarbeiter und bessere Räume.
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