„Asyl ist kein Hotel - das wusste ich“

In solchen Containern leben die Flüchtlinge in der Erstunterkunft Schnackenburgallee.
 
Ein trister Ort zwischen Autobahn und Müllverbrennungsanlage: die Erstunterkunft Schnackenburgallee. Das Foto stammt von Anfang Dezember 2013.
 
Selbst bei Schnee (Foto vom Dezember 2013) in Badelatschen - Impression aus der Erstunterkunft Schnackenburgallee.

Gespräch mit Flüchtlingen aus der Erstunterkunft Schnackenburgallee: Ali und Maryam aus dem Iran und Alban und Arbjola aus Albanien.

Maryam (32) und Ali (34) kommen aus dem Iran. Alban (24) und Arbjola (18) stammen aus der Nähe von Tirana, Albanien. Die beiden Städte sind 3.467 Kilometer voneinander entfernt. Nie im Leben hätten diese beiden Paare einander kennengelernt - wenn sie nicht dasselbe Schicksal gehabt hätten: Sie sind Flüchtlinge. Vor Willkür, Verfolgung und Gewalt aus ihrer jeweiligen Heimat geflohen und in Hamburg gelandet. In Bahrenfeld, im Wohncontainer der Erstunterkunft Schnackenburgallee.
Maryam und Ali waren in Teheran berufstätig. Sie war Buchhalterin, er überprüfte als Wirtschaftsfachmann Bauprojekte auf ihre Wirtschaftlichkeit. Gefährlich wurde das Leben für das junge Ehepaar, als es zum Christentum übertrat. Sie flüchteten über die Türkei nach Deutschland, kamen im Frühsommer dieses Jahres hier an.
Alban und Arbjola sind seit sechs Monaten hier. Auch sie sind verheiratet. Er studierte Agrarwirtschaft, leitete gleichzeitig eine kleine Autowerkstatt. Sie ging zur Schule. Ihre Liebe brachte sie in Gefahr: Die Familien leben seit Generationen in Fehde, Arbjola wurde zu einer Abtreibung gezwungen, die Heirat verboten. Parallel dazu wurde Alban mit dem Tod bedroht, als er im Umfeld von politischen Wahlen zu viel von der Praxis erfuhr, Stimmen für Geld zu kaufen.
Zwei Paare, grundverschieden und doch in vielem gleich: Im Willen, das Beste aus einer desolaten Situation zu machen und in ihrem Wunsch nach Ruhe, Frieden und Sicherheit.
Alban hat es am leichtesten gehabt. Er sprach schon Deutsch. Sein Vater arbeitete zeitweilig als Diplomat in Wien. Arbjola besucht hier die Schule, lernt Deutsch. Sie spricht vorsichtig, erste Sätze, ihre Aussprache ist makellos. Maryam hat sofort nach ihrer Ankunft alles dran gesetzt, die Sprache zu erlernen, kann sich schon flüssig unterhalten, wenn auch das eine oder andere Wort noch fehlt. Ali ist der Stillste der vier. Er folgt der Unterhaltung aufmerksam. Immer wieder vergewissert sich Maryam bei ihm, fragt nach. Beide Paare sind sich einig: Deutsch zu können – das ist das Wichtigste, um in diesem Land anzukommen. Dieses Land, in das sie nicht freiwillig gekommen sind. Denn das wird klar aus dem Gespräch mit ihnen: Alle vier waren in ihrer Heimat zufrieden, fühlten sich geborgen in ihrem Umfeld und in ihren Familien – bis sie der herrschenden Politik in die Quere kamen und fliehen mussten.
Das Wochenblatt hat sie nach ihren Erlebnissen und Eindrücken aus der Schnackenburgallee gefragt und sie gebeten, von ihren Wünschen und Sehnsüchten zu erzählen.

Die ersten Eindrücke aus der Erstunterkunft?
Maryam: Sehr klein, sehr heiß - es war Hochsommer. Nicht sauber, besonders Toilette und Bad. Dabei hatten wir Glück: Wir bekamen zu zweit ein Zimmer. Familien müssen dort mit vier oder sechs Leuten wohnen.
Alban: Ich wusste, wie Asyl aussieht. Dass das kein Hotel ist. Das wusste ich.

Und das beherrschende Gefühl?
Maryam: Sehr großer Stress. Und es ist sehr schwer, Kontakt zu Deutschen zu finden. Gut war, dass wir in der Schnackenburgallee Kontakt zu Leuten aus unserem Land hatten. Aber wir konnten kein Deutsch, nur Englisch. Und wenn wir Einkaufen gingen, wollten die Leute nicht Englisch mit uns sprechen. Sie haben gesagt: Ihr müsst Deutsch lernen. Geht doch in die Deutschkurse.

Habt ihr das gemacht?
Maryam: Ja - aber die Kurse fangen immer wieder neu an, gehen nicht weiter. Alban: Weil immer wieder neue Leute dazukommen. Es geht immer wieder von vorne los: Der, die, das. Ich bin, du bist, er ist. (alle vier lachen)

Was ist das Schlimmste an der Unterkunft?
Alban: Arbjola hat seit wir dort sind Migräne, ganz schlimme Anfälle. Jeden Morgen muss sie um 5.30 Uhr zur Schule nach Barmbek. Da gibt es noch kein Frühstück. Und der Bus fährt nur einmal in der Stunde. Nachts ist immer Lärm. Die Babys schreien, es ist immer laut, man kann nicht lernen, nicht schlafen. Das Essen, die Toiletten, alles nicht so schlimm. So ist Asyl eben. Aber dass meine Frau so leidet – das ist schlimm.

Und wie sind die Mitarbeiter in der Schnackenburgallee?
Alban (lacht): Aaah, die Security Leute... nein, die sind wirklich nett. Man versteht, wenn sie manchmal genervt sind.
Maryam: Ja, ich finde sie auch nett. Die meisten Probleme in der Schnackenburgallee kommen davon, dass so viele Leute aus verschiedenen Kulturen zusammen sind.

Was wünscht ihr euch?
Maryam: Perfekt Deutsch sprechen, eine Ausbildung, Arbeit. Und dann ein ruhiges Leben. Das ist das Wichtigste: ein ruhiges Leben. Alban: Dass Arbjolas Familie sagt: Es ist alles gut. Dass wir Schule und Ausbildung schaffen.

Wenn ihr euch ein perfektes Leben ausmalen könnten, wie sähe das aus?
Alban: Wir leben friedlich in Albanien und kommen nur im Urlaub nach Deutschland.
Maryam: Zuhause ohne die Politik. Ich will keine Politik mehr.

Wie schätzt ihr eure Lage ein?
Maryam: Wir sind nur zu zweit. Wir haben es gut. Aber die Familien mit Kindern, die im Zelt leben und immer in die Kälte müssen, wenn sie zum Bad gehen oder zur Toilette...

Was wünscht ihr euch vom deutschen Staat?
Alban: Die sollen genauer hingucken, ob ein Land wirklich sicher ist. Dass man Häuser baut und Autos fährt, heißt nicht, dass ein Land sicher ist. Ein Land, in dem ich die Frau, die ich liebe, nicht heiraten darf, weil ihr Uropa meinen Uropa getötet hat - das ist nicht sicher! Maryam: Ich wünsche mir, dass das Warten aufhört. Dass wir wissen, ob wir bleiben können. Wir leben nur von Moment zu Moment.

(Auf Wunsch von Maryam und Ali veröffentlichen wir im Internet kein Foto unserer Interviewpartner)

Wo sind sie jetzt?
Alban und Arbjola leben immer noch im Container in der Schnackenburgallee.
Ali und Maryam hatten Glück, konnten in eine Folgeunterkunft ziehen und wohnen in einem Zimmer mit eigener Toilette und Kochmöglichkeit in einem Hotel in Hamm.

Flüchtlingen helfen
Das Gespräch mit Alban und Arbjola, Ali und Maryam fand im Lutherhaus der Luthergemeinde Gemeinde Hamburg-Bahrenfeld statt. Wer der Gemeinde bei der Flüchtlingsarbeit helfen möchte, meldet sich bei Elke Haas, Koordination Flüchtlingsarbeit & interkulturelle Begegnung, Lutherhöhe 22. mobil 0176 - 61 81 15 06, Tel. 60 73 02 54 oder haas@lutherkirche.net Sprechstunde Flüchtlingsarbeit: mittwochs von 15 bis 16.30 Uhr, Lutherhöhe 22.
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