„Ariernachweis“ aus Altona

Wilhelm Simonsohn (97) aus Bahrenfeld ist Hamburgs ältester Zeitzeuge. Der gebürtige Altonaer wurde von einer jüdischen Familie adoptiert, trat mit 15 aus der HJ aus. Sein Adoptivvater kam ins Konzentrationslager. Foto: mg

Schilderungen von Zeitzeugen sind in Schulen immer weniger gefragt

M. Greulich / O. Zimmermann,
Hamburg

Helmut Schmidt war neugierig, einen Zeitzeugen aus Bahrenfeld zu treffen. Er lud Wilhelm Simonsohn (97) in sein Büro ein. Die Männer redeten über ihre Zeit bei der Marine-Hitlerjugend, zu der beide ab 1935 nicht mehr hingegangen waren. Simonsohns Adoptivvater war Jude, Helmut Schmidt wollte von seinem Gast wissen, wie er an den Nachweis seiner „arischen Abstammung“ gekommen sei, obwohl er seinen leiblichen Vater nie kennengelernt hatte. „Ich konnte ihm vom Besuch im Altonaer Gesundheitsamt erzählen, wo sogar mein Kopf vermessen wurde!“ Das amtsärztliche Gutachten bescheinigte ihm, dass keinerlei Anzeichen für einen „nicht-arischen Einschlag“ bestünden.
Es sind Geschichten wie diese, die man heute kaum glauben kann, die Simonsohn auch als Zeitzeuge in Schulen gerne erzählt, weil er junge Leute unterstützen möchte, sich einzumischen. Dass Simonsohn ein ausgezeichneter Erzähler ist, der kein Detail seiner Erinnerungen vergisst, macht es spannend, ihm zuzuhören.
An Hamburger Schulen sind die Erfahrungen von Zeitzeugen wie Simonsohn indes immer weniger gefragt. „2016 fanden unsererseits fünf Schulbesuche statt, davon vier in Hamburger Gymnasien und einer in einer Gesamtschule in Wahlstedt“, berichtet der Stellinger Zeitzeuge Claus Günther. „In erster Linie wurde Erlebnisse aus der NS-Zeit thematisiert, in einem Fall auch das Leben in der ehemaligen DDR.“
Warum werden Zeitzeugen kaum noch in Schulen eingeladen? Das Elbe Wochenblatt hat bei Schulen in Wilhelm Simonsohns Nachbarschaft nachgefragt.

In der Stadtteilschule Flottbek, die nur wenige hundert Meter entfernt vom Elternhaus von Wilhelm Simonsohn in der Steenkampsiedlung liegt, ist man sofort nach der Anfrage des Elbe Wochenblatts aktiv geworden. „Zwei unserer zehnten Klassen hätten großes Interesse an einem Zusammenkommen mit einem Zeitzeugen noch in diesem Schuljahr. Wir werden mit dem Seniorenbüro Kontakt aufnehmen“, so Friederike Sauerwein, Abteilungsleiterin Klasse acht bis zehn.
An der Stadtteilschule Bahrenfeld will man ebenfalls bald wieder Zeitzeugen einladen. Schulleiterin Carola Fichtner: „Wir nehmen den Hinweis in unser Curriculum mit auf, damit allen Kollegen die Möglichkeit, Zeitzeugen einzuladen, präsent wird. Durch personelle Wechsel ist dieses Projekt in den letzten Jahren wohl etwas aus dem Blickfeld geraten und ich hoffe, dass wir dadurch den Faden wieder aufnehmen können, denn das ist eine ganz wunderbare Sache.“
Lediglich an der Max-Brauer-Schule zeigte man sich pikiert über die Anfrage. „Regelmäßig führen wir in den Jahrgängen neun/zehn und in der Oberstufe Projekte zum Nationalsozialismus durch. So führt seit Jahren jede unserer jeweils sechs Klassen in Jahrgang neun/zehn ein Projekt in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme durch. Falls möglich finden dabei Begegnungen mit Zeitzeugen statt.
Im Langzeitprojekt des Jahrgangs acht sind in den letzten Jahren mehrere Klassen in die Begegnungsstätte auf dem Golm/Usedom gefahren, auch dort fanden Zeitzeugenbegegnungen statt. Im Jahrgang Zwölf/Profil Sprachen- und Kulturenvielfalt findet in diesem Jahr zum dritten Mal eine Profilreise nach Polen statt mit einer dreitägigen Arbeit in der KZ-Gedenkstätte Auschwitz, auch jeweils mit Zeitzeugenbegegnung. Schüler aus verschiedenen Jahrgängen besuchen immer wieder entsprechende Veranstaltungen in der Stadt. Tatsächlich kann es dann sein, dass wir längere Zeit nicht mehr auf die Angebote der Zeitzeugenbörse zurückgegriffen haben. Ihre Behauptung trifft also so keineswegs zu“, so Peter Loh, der Verantwortliche für außerschulische Lernorte und Projektunterricht.

Zeitzeugenbörse
In der 1997 gegründeten Zeitzeugenbörse Hamburg treffen sich regelmäßig Menschen, die ihre persönlichen Erlebnisse während der NS-Zeit, im Krieg oder auch vom Leben in der DDR weitergeben wollen. Seit 1999 haben die Hamburger Zeitzeugen rund 250 Schulklassen in und um Hamburg besucht. Die
Besuche sind für die Schulen kostenlos, es entstehen allenfalls Fahrtkosten.

Kontakt: Zeitzeugenbörse Hamburg, c/o Seniorenbüro Hamburg e.V., Brennerstraße 90 (5. Stock), 20099 Hamburg; montags bis donnerstags von 9 bis 13 Uhr,
Tel. 30 39 95 07,
E-Mail: zeitzeugen@
seniorenbuero-hamburg.de

Hamburger Zeitzeugen treffen sich regelmäßig, zum Beispiel jeden ersten und dritten Dienstag von 10 bis 12 Uhr im Seniorenbüro, und freuen sich über alle, die Interesse an ihren Themen haben.
❱❱ www.seniorenbuero-hamburg.de
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