Alter Charme und neue Läden

Alteingessene Geschäfte in alten Häusern – auch das gibt es in der Großen Bergstraße. Foto: michael von bismarck

Altona verändert sich an der Großen Bergstraße rasant

Folke Havekost, Altona

Vor Ikea schlägt ein Sänger in seine Gitarre und spielt den Marty-Robbins-Klassiker „You’ve got me singing the blues“. Der Country-Star sang von verflossener Liebe, aber für manchen Besucher der Neuen Großen Bergstraße war es vor Jahren noch schwierig, beim Anblick der Einkaufspassage nicht in den Blues zu verfallen. Allzu lange wurde die Konsummeile mit der 1966 errichteten Fußgängerzone vernachlässigt, erlebte unattraktive Läden mit hoher Fluktuation.
Altonas Große Bergstraßen, die alte im Osten und die neue im Westen, haben sich stark gewandelt, seit Ikea 2009 für 11,5 Millionen Euro die alte Frappant-
Fläche erwarb. Mit der vieldiskutierten, per Bürgerentscheid genehmigten und erst 2014 vollzogenen Ansiedlung des schwedischen Möbelkonzerns ist Bewegung in die älteste Fußgängerzone Hamburgs gekommen. Die Bandbreite der Geschäfte ist inzwischen groß. Den kleineren Pionieren sind die umsatzstarken Branchen gefolgt.
Bis zum Sommer soll die Fußgängerzone fertiggestellt sein, deren marode Gehwegplatten den Einkaufsbummel oft in einen Hindernisparcours verwandelten. Neue, wenn auch wenige Ahornbäume und Laternen für insgesamt 2,5 Millionen Euro Umbaukosten inklusive. Derzeit werkeln die Bagger noch hinter einem Bauzaun, an dem vor allem Kinder interessiert das Geschehen beobachten. So auch der kleine Louis, der von den Umbauarbeiten fasziniert ist. „Schon während des Ikea-Baus hat man gemerkt, dass sich hier auch kleine, unabhängige Läden ansiedeln“, sagt seine Mutter Almuth Boehringer: „Das Gebäude an der Bergspitze ist mir zwar zu riesig, aber insgesamt ist das Quartier schöner geworden. Im Sommer sind viel mehr Leute da als vorher.“ Sie nutzt die Bergstraße regelmäßig zum Einkaufen, auch wenn gerade keine Bagger den Nachwuchs unterhalten. „Wir wohnen um die Ecke, das ist unsere Meile.“
Kein Gebiet in Hamburg verändert sich derzeit so rasant wie Altona – und das noch vor dem gerade begonnenen Großprojekt „Neue Mitte“, das mit dem Umzug des Bahnhofs nach Diebsteich den Stadtteil in den nächsten zehn Jahren beschäftigen wird. Die Bergstraße ist ein Mosaikstein. Eine Studie spricht davon, dass die Besucherzahl sich seit der Ikea-Eröffnung vor zwei Jahren verdoppelt hat.
Der befürchtete Verkehrsinfarkt ist bislang ausgeblieben. Dass bei den Sanierungsplänen auf den Bau einer Fahrradstraße verzichtet und das Radeln durch die Passage im Oktober sogar polizeilich untersagt wurde, stößt allerdings auf Kritik. Die Neue Große Bergstraße sei „eine wichtige Verkehrsachse für den Radverkehr“, bemängelt Dirk Lau vom Allgemeinen deutschen Fahrradclub (ADFC): „Den Radverkehr auszusperren, ist keine Lösung.“ Seine Mitradler nehmen die Situation pragmatisch, zumal kein Udl mit Strafzettelblock bereitsteht: Einige fahren im niedrigen Tempo an den Geschäften vorbei, andere schieben ihren Drahtesel. Nach Jahren der Tristesse scheint ihre Bewegung zur Bergstraße zu passen: Hauptsache, es geht voran.
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.