Als Blinder unterwegs

Stockfinster ist es hinter der schwarzen Schaumstoff-Augenbinde.

Mit Augenbinde und Blindenstock wird selbst das vertrauteste Viertel fremd.

Von Sascha Lucks.
Meine Stadt kenne ich wie meine Westentasche, dachte ich. Bis ich eine Blindenführung durch Altona hinter mir hatte.
Eine Handvoll Menschen versammelt sich auf dem Platz der Republik. Der freiberufliche Mobilitätstrainer Oliver Simon, baumgroß und gut gelaunt, begrüßt die Gruppe rund um Hamburgs Grünen-Vorsitzende Katharina Fegebank. Die begegnet der anstehenden Erfahrung offensichtlich mit einem mulmigen Gefühl. Sie will mit diesem Selbsttest feststellen: Wie gut ist die Stadt auf Behinderte eingerichtet?
Zweierpärchen werden gebildet, pro Team gibt es eine Augenbinde. Einer bekommt die Augen verbunden, der andere führt. Ich streife mir die schwarze Schaumstoff-Binde über den Kopf: absolute Finsternis, als hätte jemand das Licht ausgeknipst. Mit vorsichtigen Schritten gehe ich los. Am liebsten würde ich stehenbleiben. Um mich herum nur Dunkel, egal wie weit ich hinter der Binde die Augen aufreiße.
Wir nähern uns einer Straße. Mann, sind die Autos laut! Ich habe das Gefühl, mitten zwischen ihnen auf der Fahrbahn zu stehen, dabei soll ich angeblich mehr als 15 Meter von den vorbeifahrenden Autos entfernt sein. Noch nie hat mich das Überqueren einer Straße so gestresst. Mein Herz pocht. Ein hoher, schwingender Ton an der Ampel zeigt an: Ich darf gehen. Ich umklammere den Arm meiner Begleiterin und taste mich voran: Wo gehts vom Gehweg runter auf die Straße? Bloß nicht stolpern!
Ich bekomme einen Blindenstock in die Hand gedrückt, darf auf wackeligen Beinen allein mein Glück versuchen – und lande schnell in einer Hecke. „Ist es normal, nach links abzutreiben?“, fragte ich Oliver Simon. „Das ist völlig natürlich. Es fällt dem Menschen schwer, geradeaus zu gehen, ohne etwas zu sehen“, erklärt er.
Ende meiner Zeit als Blinder; ich darf die schwarze Brille abnehmen. „Augen nur ganz langsam öffnen“, ermahnt der Trainer. Mit zusammengekniffenen Augen streife ich mir die Binde vom Kopf. Ich blinzle, die Augen tränen, das grelle Tageslicht sticht in den Augen. Seit wann ist es an einem bewölkten Tag so unglaublich hell? Wo bin ich? Auf dem Altonaer Balkon. Keine Ahnung, wie ich hierhergekommen bin.
Eine Diskussion zum Thema Barrierefreiheit entbrennt. Ich bleibe stumm - völlig fassungslos, wie wenig ich meine Heimatstadt doch kenne, wenn ich sie nicht sehen kann.
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